20.10.2020

Redet mehr mit älteren Menschen

Carol Naidu verabschiedet sich vom Kirchenkreis Dortmund und sagt: „Das Freiwilligenjahr brachte Sinn in mein Leben“.

Carol Clifford Naidu aus Indien war ein Jahr lang Freiwillige in Dortmund. Hier erzählt sie, wie sie ihre Arbeit im Referat Ökumene des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund erlebt hat – und was das besonders Herausfordernde eines internationalen Freiwilligendienstes in Zeiten von COVID-19 ist.

Birgit Mattern: Jetzt ist dein Freiwilligenjahr fast vorbei. Ende Oktober verlässt du Deutschland und reist zurück in deine Heimat Indien. Du hast dich vor etwa 1,5 Jahren entschieden, ein Jahr lang im Referat Ökumene des Evangelischen Kirchenkreises in Dortmund mitzuarbeiten. Was waren deine Aufgaben? Was hat dir am meisten Spaß gemacht?

Carol Naidu: Ich vertrete das Internationale Volunteershouse öffentlich, zum Beispiel in Versammlungen verschiedener kirchlicher Gruppen (bei der Frauenhilfe, der Studierendengemeinde, etc.). Ich war engagiert bei der Vorbereitung und Durchführung von Gottesdiensten wie etwa für den Kirchentagssonntag.

Meine täglichen Aufgaben sind vor allem das Schreiben von Blog-Artikeln über meine Erfahrungen in Deutschland, über die Seminare und Veranstaltungen, die ich besucht habe, über das Volunteershouse, über allgemeine Themen wie Rassismus, Politik, Klimawandel usw. Ich habe auch bei der Vorbereitung von Treffen wie dem digitalen Global Ecumenical Hangout mitgeholfen und habe es zweimal moderiert und immer daran teilgenommen, insgesamt fanden acht Hangouts auf zoom statt.

Ich helfe auch bei der Durchführung von Besorgungen für das Referat Ökumene, kümmere mich um die Post und kleine Einkäufe, helfe, sich mit den Freiwilligen aus anderen Ländern zu koordinieren, bei administrativen Arbeiten zu helfen, bei Veranstaltungen wie dem Gartentag, der Filmnacht, einem Segeltag auf dem Phoenixsee usw. zu helfen. Meine Aufgabe war es auch, 25 Tage Seminare zu besuchen und die deutsche Sprache zu lernen. Ich würde sagen, ich habe alles genossen.

Als wir uns Ende November 2019 zum ersten Mal trafen, sagtest du, dass du viele neue Dinge ausprobieren und neue Erfahrungen machen möchtest in Deutschland. Erzähl uns doch mal von deinen beeindruckendsten Erlebnissen.

Ich habe viele neue Dinge ausprobiert, wie Essen kochen, Spazierengehen und Wandern. Zum Beispiel war ich gemeinsam mit Josephat, dem Süd-Nord Freiwilligen aus Tansania, am Drielandenpunt (Vaals), der Grenze zwischen den Niederlanden, Deutschland und Belgien, die ich alle mit meinen Füßen betreten konnte.

Deutsch zu lernen ist für mich auch eine tolle und herausfordernde Erfahrung. Der Einsatz von Maschinen und Werkzeugen (etwa einer Kettensäge) beim Arbeiten am Gartentag im Volunteershouse war ein ganz besonderes Erlebnis. Die Möglichkeit, deutsche Apps auf Reisen von einer Stadt in eine andere nutzen zu können, war für mich eine große und spannende Herausforderung und Erfahrung. In jedem Bahnhof verloren gehen zu können, ist eine lustige Erfahrung. Neue Menschen kennenlernen und von ihnen lernen.

Meine interessanteste Erfahrung aber war, so viel über mich selbst zu lernen. Über meine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Lernen, wie stark ich bin und sein kann, wenn nötig. Wachsen an und mit neuen Herausforderungen.

Corona war ein großes Thema und war ein wichtiger Faktor während deiner Zeit in Deutschland. Du hast dich entschieden, im März, als die Einschränkungen in Dortmund anfingen, dennoch hierzubleiben und nicht nach Indien zurückzukehren. Wie hast du die letzten Monate erlebt? Was hat dir geholfen?

Am Anfang war es schwer, mich anzupassen, aber langsam gewöhnte ich mich an den Begriff "neue Normalität" - der auch die Arbeit von zu Hause aus umfasste. Nicht mehr so oft ausgehen, sich um meine eigene Gesundheit kümmern, und auch um die von anderen.

Aber ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit nicht von der Corona-Pandemie beeinflusst wurde. Meine Arbeit hielt mein Leben und meinen Geist aufrecht und half mir mit meinen Gedanken und Ängsten. Ja, ich musste einige Wochen lang von zu Hause aus arbeiten, aber ich denke, es hat mir geholfen, weiterzumachen und die Situation zu akzeptieren.

Was hat dir das Freiwilligenjahr gebracht? Hat es dich oder dein Weltbild verändert? Was nimmst du mit?

Das Freiwilligenjahr brachte Sinn in mein Leben. Ich fand mich in diesem Jahr wieder. Ich habe hier so viel gelernt und bin gewachsen. Das Freiwilligenjahr brachte Glück in mein Leben, jeder einzelne Tag war lebenswert. Ich lernte so viele Dinge über Geschichte, Klima, Politik, etc. Ich werde alles wertschätzen, was ich erfahren habe.

Schon heute sind das so viele Erinnerungen: mein Arbeitsplatz im Referat Ökumene, das Zusammensein mit anderen Menschen, das Volunteershouse, die Zeit mit meiner Mentorin Birgit, das gemeinsame Kochen und Backen mit Frauke, die Deutschkenntnisse und Lebenslektionen, die ich von meinem Deutschlehrer Tom gelernt habe, Empathie, die ich von Menschen um mich herum in Deutschland erhalten habe, die Gewohnheit, einen Termin zu machen. Ich werde mich auch an einige gute Kleidung erinnern – und einige leckere Süßigkeiten.  

Du hast die deutsche Kultur und Lebensweise kennenlernen können. Welchen Rat würdest du uns Deutschen aus der Sicht einer Inderin geben?

Ich bin einfach dankbar für alles und ich habe wirklich keinen Rat zu geben, aber ich habe eine Bitte: Ich möchte euch alle bitten, zu versuchen, mit alten Menschen mehr in öffentlichen Verkehrsmitteln, Krankenhäusern, Geschäften, auf der Straße usw. zu sprechen. Ich habe das Gefühl, dass sie sehr einsam sind. Es bricht mir das Herz, weil viele alte Menschen keine Familien haben. Daher habe ich immer, wenn ich die Chance bekam, geholfen und mit alten Menschen gesprochen.

Foto: EvKkDo/Frauke Linke
Carol Naidu (l.) verabschiedet sich vom Kirchenkreis Dortmund.
Foto: EvKkDo/Frauke Linke