Antisemitismus und Rechtsextremismus

1596 wurden die Juden für mehr als 200 Jahre aus Dortmund verbannt, „auf fleißig Ermahnen und Anhalten der Prediger“. Erst in napoleonischer Zeit konnten sie wieder nach Dortmund zurückkehren. 1938 wurde die prachtvolle Synagoge, durch NS- Willkür zerstört. Aber bereits im August 1945 bildete sich die jüdische Kultusgemeinde neu.

Nach dem II. Weltkrieg hat sich die Evangelische Kirche bemüht, das Verhältnis zwischen Juden und Christen neu zu bestimmen. Aber auch mit dem Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus hat sie ihre Konsequenzen gezogen. Das Motto: „Unser Kreuz hat keine Haken“.

Platz vor dem Dortmunder Opernhaus mit Gedenkstein

Der Platz der Alten Synagoge bietet Gelegenheit, einen Blick auf das Verhältnis zwischen Evangelischer Kirche und der jüdischen Bevölkerung in Dortmund zu werfen. Es ist kein ruhmreiches Kapitel, wie sich gleich nach der Durchsetzung der Reformation Ende des 16. Jahrhunderts zeigt. Denn 1596 wurden die Juden für mehr als 200 Jahre komplett aus Dortmund verbannt – wie es in zeitgenössischen Quellen heißt, „auf fleißig Ermahnen und Anhalten der Prediger“. Auch publizistisch wurde der Pogrom vorbereitet: Der Dortmunder Stadtdrucker Arnt Westhoff, der in der Regel im Auftrag des Rates tätig wurde, druckte im Jahr 1595 einen Auszug aus Martin Luthers Traktat von 1543 „Von den Juden und ihren Lügen“. Ein Jahr nach Erscheinen des Pamphlets wurden die Juden aus Dortmund vertrieben.

Es war nicht die erste Vertreibung der Juden aus der Stadt. Schon im 13. Jahrhundert hatte sich eine jüdische Gemeinde mit Synagoge, Schule und eigenem Friedhof gebildet. Mehrfach wurden die Juden allerdings aus der Stadt vertrieben, unter anderem, weil sie zu Sündenböcken für Pestepidemien im 14. Jahrhundert gemacht wurden. 

Nach der Vertreibung im Jahr 1596 lebten viele jüdische Familien aus Dortmund verarmt auf dem Land. Erst 1808 konnten die ersten Juden in napoleonischer Zeit nach Dortmund zurückkehren. 

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Gemeinde im Zuge der Industrialisierung auf gut 2000 Mitglieder an. Symbol für die neue Blüte war die prachtvolle Synagoge, die 1900 am Wall entstand. Als „Zierde der Stadt“ wurde sie bezeichnet. Jüdisches Leben war zu dieser Zeit bestens in das Leben der Stadt integriert.

Das änderte sich erst wieder mit der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1938 musste die Gemeinde die Synagoge an die Stadt verkaufen. Das Gotteshaus wurde nach einem Beschluss des Rates abgerissen – schon Monate vor der Pogromnacht im November.

Von den mehr als 3000 Dortmunder Juden zu Beginn der 1930er Jahre starben 2400 in Konzentrations- und Vernichtungslagern oder an den Folgen der Lagerhaft. Nur etwa 50 Überlebende gründeten bereits im August 1945 die jüdische Kultusgemeinde neu.

Die Neugründung der jüdischen Gemeinde in Dortmund unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ist fast ein kleines Wunder nach all dem, was geschehen war.

Nach und nach gab es wieder einige Hundert Mitglieder, bis 1990 deren Zahl unter 400 sank. Das stellte die Zukunft der Gemeinde infrage. Glücklicherweise wurde dann die Zuwanderung von Menschen jüdischen Glaubens aus der ehemaligen Sowjetunion möglich. Sie führte zu einem starken Anwachsen der Gemeinde. Heute sind es etwa 3000. Dadurch ist das Weiterleben der jüdischen Gemeinde auch in Dortmund gesichert. Sie gilt als sehr lebendig und aktiv.

Auf Seiten der Evangelischen Kirche wuchs die Erkenntnis, dass sie angesichts der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg versagt hat. Man begann, das Verhältnis zwischen Juden und Christen neu zu bestimmen. Einen wesentlichen Anteil daran hatte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die sich um Versöhnung bemühte. Auch die antisemitischen Traditionen des Protestantismus kamen nach und nach zur Sprache. Nach jahrzehntelangen Diskussionen wurde sogar die Kirchenordnung der westfälischen Landeskirche um den Zusatz erweitert, die Kirche sei gegründet auf „Jesus den Juden“. 

Aber auch auf andere Weise hat die Evangelische Kirche ihre Konsequenzen gezogen. Sie sieht das Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus als christliche Aufgabe. Darum ist sie in Dortmund auch aktiv gegen die hiesigen Formen des Rechtsextremismus. Denn das Nazi-Problem wirft nicht nur politische Fragen auf. Mit ihrer Ideologie der Ungleichwertigkeit der Menschen stehen die Rechtsextremisten in direktem Widerspruch zur zentralen Glaubensüberzeugung der Christen von der Gottesebenbildlichkeit und Würde eines jedes Menschen. 

Etwa seit dem Jahr 2000 verfolgt die Evangelische Kirche in Dortmund diese Aufgaben kontinuierlich. Sie ist aktiv im Dortmunder „Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus“ und hat 2012 sogar einen eigenen Zusammenschluss „Christen gegen Rechtsextremismus“ gegründet. Organisiert werden regelmäßige Informationsveranstaltungen, Materialien, aber auch Mahnwachen oder die Beteiligung an Demonstrationen gegen den besonders provokanten Rechtsextremismus in Dortmund. 

Als zum Beispiel im Jahr 2013 die Nazis eine Protestveranstaltung gegen den Bundespräsidenten am Stadtgarten organisierten, haben aktive Christen dagegengehalten. Als rechte Ideologen am 16. Dezember 2016 den Turm der Reinoldikirche besetzt hatten, läuteten aus Protest die Glocken und der Kirchenkreis verurteilte die Aktion scharf. Das kirchliche Motto lautet: „Unser Kreuz hat keine Haken“.

Mit Hoffnung auf Arbeit siedelten auch Juden vermehrt nach Dortmund um. Zudem trieben antisemitische Pogrome viele Juden aus der Ukraine, Russland und Polen in die westlichen Staaten Europas. Während die meisten alteingesessenen Juden in Hoffnung auf absolute Gleichstellung sich bereitwillig assimilierten und das orthodoxe Judentum aufgaben, hielten die sogenannten “Ostjuden” an den alten Riten und Bräuchen fest. Während 1815 nur 30 Juden in Dortmund ansässig waren, zählte die Gemeinde 1870 bereits 600 und im Jahre 1900 mehr als 2000 jüdische Bürger. Die viel zu klein bemessene Synagoge am Wüstenhof, 1853 eingeweiht, wurde durch einen Prachtbau auf dem Platz des heutigen Stadttheaters ersetzt. Presse und Stadtvertreter sprachen anlässlich der Einweihung am 8./9. Juni 1900 von einem “Monumentalbau, für Jahrhunderte berechnet und für ewige Zeiten eine Zierde der Stadt.

Bereits im Jahr 1945, nur wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges, feierten 50 zurückkehrende Juden gemeinsam Rosh Hashana, das jüdische Neujahrsfest. Einige kehrten später ihrer alten, durch die Grauen des Holocausts fremd gewordenen Heimat den Rücken zu. Andere entschieden sich zu bleiben. Im Jahre 1956 wurde das heutige Gemeindezentrum mit der Synagoge an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße ihrer Bestimmung übergeben. Wer für sich ein Haus baut, will bleiben. Seitdem war und ist das backsteinerne Gebäude gesellschaftlicher und religiöser Mittelpunkt der jüdischen Bevölkerung Dortmunds.

In den 80ern des vergangenen Jahrhunderts befürchtete die Leitung der Jüdischen Kultusgemeinde das absehbare Ende der Existenz einer jüdischen Gemeinde in Dortmund. Die Mitglieder wurden immer älter, die Jugend zog ein Leben in anderen Regionen Deutschlands oder in Israel vor und folglich blieb der Nachwuchs aus. 1989 zählte die Gemeinde 350 Mitglieder. Als das kommunistische, religionsfeindliche System im europäischen Osten zusammenbrach, reisten viele Juden nach Israel, den USA oder auch in Deutschland, um ein neues Leben, frei von unterschwellig oder offen vorherrschendem Antisemitismus, zu beginnen. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen Bundesregierung und dem Zentralrat der Juden, der politischen Vertretung der Juden, auf Antrag in die BRD einzureisen. Dank der Zuwanderung ist die Anzahl der Juden in Dortmund angestiegen. Die Bewältigung der Integration der Neumitglieder in die jüdische und deutsche Gesellschaft bedeutete zugleich Bereicherung wie auch Herausforderung für die Gemeinde.

Ende der 1990er Jahre wurde die Synagoge zu klein. Es entstand ein neues Gebäude mit einem Mehrzwecksaal hinter dem Verwaltungsgebäude. Es fasst 500 Menschen. Die Jüdische Gemeinde Dortmund zählt 2.946 Mitglieder (Stand 2014)

Arbeitskreis Christen gegen Rechtsextremismus

Unser Kreuz hat keine Haken!

Die Evangelische Kirche ist seit Jahren in Dortmund gegen Rechtsextremismus aktiv. Denn in Dortmund hat sich eine besonders aggressive und provokative Szene festgesetzt. Das bedrängt auch Kirchengemeinden, insbesondere im Dortmunder Westen. Christinnen und Christen sind in Dortmund unmittelbar mit dem Neonazismus konfrontiert. 

Seit über 15 Jahren ist der Kirchenkreis an führender Stelle im größten Dortmunder Bündnis aktiv, das sich weltanschaulich übergreifend gegen Rechtsextremismus einsetzt. Viele große Demonstrationen gegen Naziaufmärsche wurden seitdem gemeinsam organisiert. 

 2012 wurde auch der Arbeitskreis „Christen gegen Rechtsextremismus“ gegründet. Sein Motto: „Unser Kreuz hat keine Haken!“. Seine Überzeugung: Die nazistische Ideologie der Ungleichwertigkeit  der Menschen steht im direkten Widerspruch zum christlichen Glauben.  Der Arbeitskreis steht dafür, das Thema innerhalb der Kirche zu verankern und nach außen ein Zeichen christlicher Überzeugungen zu setzen. 

Christen gegen Rechtsextremismus vernetzt die Aktiven in der Kirche, greift aktuelle Fragestellungen auf und ist bei Mahnwachen und Demonstrationen aktiv. Mehr als 100 Menschen sind schon Mitglied, dazu etliche Kirchengemeinden und der Frauenhilfsverband. Auch einige katholische Christen nehmen teil. 

Der Kreis führt jedes Jahr ein Projekt mit Konfirmandinnen und Konfirmanden im Dortmunder Rathaus durch und bietet regelmäßig Trainings für Zivilcourage an. 

Themen der Infoabende sind zum Beispiel die Geschichte des Rechtsextremismus in Dortmund, Protestformen bei Demos oder der Rechtspopulismus. 

Mehr unter www.christen-rechts.de

(Friedrich Stiller)