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22.04.2021

Von Bier bis zur Moschee

Lamya Kaddor sprach über Heimat und die „Illusion völkischer Reinheit“

Anfeindungen kennt Lamya Kaddor gut. Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin habe das Talent, sich oft zwischen alle Stühle zu setzen, sagt sie. Mit ihren Publikationen – ihr aktuelles Buch trägt den Titel: ‚Die Zerreißprobe – wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht‘ – ruft sie Widerspruch aus unterschiedlichsten Ecken hervor. Drohungen und Hassbotschaften erreichen sie sowohl aus dem rechten Lager ‚besorgter Bürger‘ als auch von Gruppen djihadistischer Salafisten.

Dabei ist die Botschaft, die Lamya Kaddor auch bei ihrem Vortrag vermittelte, zu dem das Evangelische Bildungswerk Dortmund und das Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe eingeladen hatten, einfach zu verstehen: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Seine kulturelle Vielfalt ist bereichernd; wenn diese sich erweitert, wird es dadurch nicht zum Verlust bestehenden kulturellen Lebens kommen.

Bevor Lamya Kaddor mit den mehr als 40 Teilnehmenden im Online-Talk, moderiert von der Journalistin Michaela Rensing, ins Gespräch kam, führte sie bestehende Klischees vor Augen, die ihrer Ansicht nach noch immer häufig zu finden seien und die einer wohlverstandenen kulturellen Vielfalt entgegenständen. „Was ist eigentlich deutsch“, fragte die Religionspädagogin und bezog sich auf Debatten um eine vermeintliche ‚Deutsche Leitkultur‘, die schon von vor mehr als 20 Jahren unter anderem von dem damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz postuliert worden war.

Kaddor warnte ihre Zuhörer*innen vor dem Augenzwinkern, mit dem sie oberflächliche Kriterien einer solchen Leitkultur beschreibe. Kulturelle Merkmale in Deutschland beschränkten sich schon lange nicht mehr auf „Bier, Sauerkraut und Volksmusik.“ Auch Kriterien wie Pünktlichkeit und Fleiß seien keineswegs rein deutsche Charaktereigenschaften. „Es wird auch in Syrien durchaus erwartet, dass man pünktlich zur Arbeit erscheint“, sagte die Islamwissenschaftlerin. Die Bandbreite der Alltagskultur reiche in Deutschland heute mindestens von Bier bis zur Moschee.

Lamya Kaddor forderte, sich von einer „Illusion völkischer Reinheit“ endgültig zu verabschieden. Schon seit den Wanderungsbewegungen der Hugenotten oder der sogenannte ‚Ruhrpolen‘ im 19. Jahrhundert sei in den meisten Familien eine Geschichte mit ausschließlich regionalen Wurzeln nicht mehr nachzuvollziehen. Die Folge von Erwartungen an einen „sauberen Stammbaum“, wie sie in rechten Vorstellungen noch immer mitschwängen, seien Eugenik und Selektion gewesen. Es gelte, diese „bösen Geister“ aus den Köpfen zu vertreiben.

Lamya Kaddor, die in diesem Jahr auf der Liste der Grünen für den Deutschen Bundestag kandidiert, postulierte eine kulturell bunte Gesellschaft, deren Klammer das gemeinsame Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Ordnung des Grundgesetzes sei. „Wir müssen Verfassungspatrioten sein“, so die Autorin, die als Tochter syrischer Eltern in Nordrhein-Westfalen geboren wurde und aufwuchs. An die Regeln des Grundgesetzes müsse sich jede*r halten, der in Deutschland lebe. „Wer dagegen verstößt, muss im Diskurs gestellt werden.“

Die Religionspädagogin warb darüber hinaus für emotionale, mentale Gemeinsamkeiten, die eine nationale Zugehörigkeit förderten. Beispielsweise gehöre dazu, miteinander für eine deutsche Nationalmannschaft einzustehen. Es brauche auch etwas „fürs Herz, nicht nur für den Verstand“, um das Miteinander zu stärken, ist sich die Religionspädagogin sicher. Der Begriff ‚Heimat‘ dürfe nicht mehr mit einer Nationalität gekoppelt werden. Vielmehr gehe es um das Erleben der eigenen Zugehörigkeit, „ich weiß, wie die Leute in meiner Heimat ticken“, beschrieb Lamya Kaddor ihre Wahrnehmung.
Die Politik müsse den Boden schaffen, um Identität in einem vielfältigen Land zu ermöglichen. Häufig seien Probleme in der Gesellschaft nicht kultureller, sondern sozioökonomischer Natur. Kaddor forderte ein separates Einwanderungs- und Migrationsministerium auf Bundesebene.

Mit ihrem Wagnis, selbst in die Politik zu gehen, wolle Lamya Kaddor zum Gelingen der gesellschaftlichen Transformation, hin zu einer Gesellschaft der Vielen, beitragen. Dabei setzt sie auf ihren Optimismus: „Ich glaube daran, dass man ein Lächeln bekommt, wenn man ein Lächeln schenkt.“

Foto: privat
Sie steht für eine Vielfalt der Kulturen und ‚Verfassungspatriotismus‘: die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor.
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