Geistliche Impulse in Corona-Zeiten

Bleiben Sie behütet

Vor knapp einem Jahr war ich in fröhlicher Runde auf einer Geburtstagsfeier. Die Gäste freuten sich an gutem Essen und kamen miteinander ins Gespräch. Ich erfahre, was andere bewegt, woran sie sich freuen, und spüre, worum sie sich sorgen. Da war die Rede von einer jungen Frau, die jetzt in China studiert. Gerne wäre sie heute mit dabei gewesen, aber die Unsicherheit ist zu groß. Denn in China ging damals ein Virus um. Wird man wieder zurückkommen können, wenn man das Land für einen Heimaturlaub verlässt? Oder sollte man nicht so schnell wie möglich die Zelte in Asien abbrechen?

Man spürte die Sorge der Gastgeberin um ihre Enkelin. Aber unsere Welt war bisher zu sicher. Junge Leute sind auf der ganzen Welt zuhause. Da wird schon nichts passieren! Wenige Wochen später kamen die ersten Evakuierungs-Flüge und holten Deutsche aus China zurück. Hinter den dicken Mauern der alten Festungsstadt Germersheim mussten sie die Quarantäne aushalten. Immer noch schien das Problem in sicheren Händen. Erst als die ersten Gottesdienste abgesagt wurden, spürte ich, dass das mich betrifft. Und nicht nur mich, viele Familien hatten sich gefreut, zu sehen, was ihre Kinder für den Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden vorbereitet hatten. Das war bei uns der erste Gottesdienst, der ausfiel.

Was zwei Monate zuvor noch eine Geschichte aus einer fernen Welt war, stellt nun mein Leben auf den Kopf, aber nicht nur meins. Viele haben Angst vor wirtschaftlicher Not, verspüren Furcht vor Vereinsamung, oder sie sorgen sich um die Lieben im Krankenhaus oder im Seniorenheim. Was uns eint, sind gute Wünsche: „Bleiben Sie gesund!“ – „Alles wird gut!“ oder: „Bleiben Sie behütet!“

Gerade diese letzten Worte habe ich jetzt oft auf Neujahrsbriefe geschrieben: „Bleiben Sie behütet!“

Ja, ich kann versuchen, mich selbst zu schützen. Ich kann alle zwanzig Minuten lüften, und am besten zu Hause bleiben. Aber irgendwann muss ich einkaufen, oder vielleicht doch mal im Wartezimmer sitzen. Ich kann nicht alle Begegnungsmöglichkeiten hundertprozentig vermeiden. Ich brauche jemanden, der mich behütet.

„Woher kommt mir Hilfe?“ – Diese Frage steht in der Bibel im 121. Psalm. „Woher kommt mir Hilfe?“ – Diese Frage ist eigentlich ein Gebet, und es bleibt nicht ohne Antwort: „Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.“ – Ja, auch ich spüre, dass Gott hilft. Er hilft auch dadurch, dass jetzt auch mal die Kirchentüren geschlossen sind. Er gibt uns Kraft für neue Ideen. Da werden Video-Gottesdienste ins Netz gestellt, oder klassische Briefe geschrieben. Die Ideen sind so vielfältig, wie die Menschen, die in den zahlreichen Gemeinden Wege suchen, Anderen auf neue Weise Nähe zu vermitteln.

Bei all meinen Sorgen und Tun ist Gott dabei, der mich behütet. „Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.“ Es sind diese alten Worte, die mir immer wieder Kraft geben. Es sind diese tröstenden Gedanken, die mich dennoch schlafen lassen. Denn ich weiß, einer schläft nicht. Er passt auf mich auf. Er ist nicht wie ein Nachtwächter, der nur mal kurz die Augen schließt und dann eine halbe Stunde schlummert. Gott hat Tag und Nacht ein Auge auf mich. Er wird meinen Fuß nicht ausrutschen lassen. Und wenn ich doch mal hinfalle? Wenn trotz aller Vorsicht, doch etwas passiert? Auch dann bin ich überzeugt, dass Gott mich begleitet. Er steht treu zu den Menschen. In einem anderen Psalm lese ich: „Auch wenn er stolpert, wird er nicht fallen, denn der Herr hält ihn fest an der Hand.“ (Ps 37,24). Selbst, wenn mir das Schlimmste passieren sollte, wird Gott mich tragen. Meine Hoffnung ist grenzenlos.

Aber ich möchte noch möglichst lange mit beiden Beinen auf der guten alten Erde stehen. Deshalb wünsche ich mir selbst, was ich auch Ihnen von Herzen wünsche. „Halten Sie durch, und bleiben Sie behütet“.

Pfarrer Michael Nitzke
Evangelische Philippus-Kirchengemeinde

Pfarrer Michael Nitkze
Foto: Stephan Schütze

Washingtoner Wahnsinn - und die Jahreslosung

Was für ein Wahnsinn! Wir schreiben das Jahr 2021 und in Washington stürmen welche, die die Tatsachen nicht wahrhaben und ihre Welt mit Gewalt durchsetzen wollen, das Kapitol (ja, das ist krasser als in Berlin und trotzdem hat Heiko Maas recht, wenn er die Verbindung zur Reichstagstreppe herstellt) – und währenddessen sinniere ich Mittwochabend mit Elias-Frauen in unserem Zoom-Meeting über die Jahreslosung: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36).

Ernsthaft? Das kann’s doch nicht sein! Soll ich jetzt mild lächelnd Verständnis für solche Leute aufbringen müssen? Verstehen, dass sie sich abgehängt fühlen, whatever? Und gilt das etwa auch für den, der sie dazu anstiftet? Muss ich mit dem auch noch Mitgefühl haben?

Gestern war mir die Jahreslosung noch nur zu schwammig, irgendwie so beliebig richtig, nix Handfestes – heute kann ich es dabei nicht belassen. Barmherzigkeit … Klingt toll. Aber ernsthaft? Barmherzig sein, die Schwächen anderer im Blick haben und mit ganz weitem Herzen die Menschen mit ihren Fehlern, Macken und all dem Zeugs trotzdem liebhaben – wenn es das heißt, diese Jahreslosung, wenn ich als SuperPädagoginSozialarbeiterinHobbypsychologin Verständnis für alle und Nachsicht gegenüber allen walten lassen soll, dann kann ich das nicht. Will ich auch nicht. Punkt.

Wenn Menschen die Demokratie mit Füßen treten, wenn Menschen meinen, es sei ihr gutes Recht, mit Gewalt gegen gewählte Vertreter*innen der Demokratie vorzugehen, wenn erwachsene Menschen agieren wie trotzige Kleinkinder (nur leider eben um ein Vielfaches gefährlicher!), dann braucht es keine Barmherzigkeit. Dann braucht es klare Kante und ein deutliches „Nein!“. Da ist Schluss mit Verständnis und Sorgen der Menschen sehen. Einfach Ende.

„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36). Sagt Jesus. Also nochmal von vorn: barmherzig sein, das heißt – ich erspare uns die Einzelheiten der Rückbindungen ans hebräische und altgriechische an dieser Stelle, liefere ich aber gern nach (bei Interesse einfach kurz mailen;)) – berührbar sein, das heißt, mich lässt nicht kalt, was um mir herum geschieht, ich empfinde mit, was in Menschen in Not, in Angst, in Trauer (nicht automatisch auch Wutbürger*innen) vorgeht, es trifft mich selbst in meinem Innersten. Ja, das kann heißen: ich muss einfach heulen, wenn ich Bilder aus Moria oder Lipa, Berichte aus dem Jemen oder von Missbrauchsprozessen sehe – und kann nicht weggucken. Erstmal heißt es das: Meine Mitmenschen gehen mir nicht am A… vorbei. Aber: damit ist es nicht getan. Aus diesem Mitgefühl, dem Mit-Leiden, dem Berührtsein muss etwas folgen: Ich muss aufstehen von meinem Sofa, vielleicht einfach erstmal zum Spendenkonto, vielleicht was anderes, hier vor Ort, was dran ist.

Barmherzig sein, das ist keine Chiffre für milde lächelnde Mildtätigkeit (womöglich von oben herab) – das ist: in den Eingeweiden rumoren, so angefasst sein, dass ich anpacken muss.

Und noch zweierlei: Erstens: Ja, für Gott, ist barmherzig zu sein ein Grundcharakteristikum, lässt sich an vielen Stellen der Bibel nachlesen (barmherzig, gnädig, geduldig – z. B. Ex 33,9; Ps 103,8) – aber: auch nicht das einzige. Auch Gott thront nicht milde abgehoben lächelnd fernab von allem, Gott wütet und tobt, Gott weint und klagt – gerade weil Gott im Innersten angefasst ist von dem, was mit seinen Menschenkindern geschieht, was wir mit ihrer Schöpfung veranstalten. Und dazu zählt auch: Gott lässt nach biblischer Überzeugung nicht einfach alles laufen sondern ‚geht den bösen Taten nach bis in die dritte und vierte Generation‘ (z. B. Ex 20,5). Also ‚wie auch euer Vater barmherzig ist‘ heißt genau das: angerührt sein vom Elend ja, aber nicht ja und amen sagend zu allem, was geschieht; weil Gott klare Neins formuliert, weil Gott klare Grenzen setzt. Weil Gott, Gott sei Dank, in der Bibel nicht einfach und schon gar nicht immer und überall lieb ist (der ist lieb, der tut nichts …). Jesus hat in derselben Rede auf dem Felde (wo schon ganz anderes passiert war, vor gut zwei Wochen, ihr erinnert euch …), da unten, am Fuß des Berges, kurz vorher gewaltig auf die Reichen eingedroschen, da war nix mit barmherzig im Sinne von mild-nachsichtig …

Zweitens: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36). Sagt Jesus. Eben nicht. Lukas konnte – anders als z. B. Markus – nämlich wirklich gut griechisch. Und er hält einen kleinen feinen Unterschied fest: Wir Angesprochenen (wenn ich jetzt einfach mal davon ausgehe, dass Lukas uns Leser*innen mit auf dem Feld verortet) sollen werden (griech. ginesthe), was Gott ist (griech. estin). Es ist im Werden, ist ein Prozess, mit uns und dem berührt, angefasst werden; da ist noch Luft nach oben.

Und Energie, bitte, um vom angefasst sein zum Anpacken zu kommen – für die, die uns brauchen – gegen die, die die Menschenwürde anderer oder auch die demokratischen Institutionen mit Füßen treten.

Ob Gottes Güte und Barmherzigkeit, wie Jesus es im Satz mit der Feindesliebe auch gesagt hat, auch die „Undankbaren und Bösen“ (Lk 6,35, Lutherübersetzung 2017) umfasst und wie genau ich mir das vorstellen soll, das lasse ich für heute mal offen. Ein weites Feld, ein zu weites womöglich auch, jedenfalls für mein heute noch sehr von den Washingtoner Bildern geprägtes Hirn.

Pfarrerin Dr. Kerstin Schiffner
Elias-Kirchengemeinde Dortmund

Pfarrerin Dr. Kerstin Schiffner

Das Jahr der Qualle

War es ein gutes Jahr? Die Nein-Liste ist lang. Ich schreibe auf, was nicht möglich war. Die ausgefallenen Feste. Die fehlenden Umarmungen. Den immer noch nicht aufgeräumten Schrank. Die nicht besuchten Mütter.

Dann ein Absatz. Ich schreibe auf, was mir zu groß war. Dann das, woran ich mal wieder scheiterte. All die Dinge, die ich hätte besser machen sollen. Die alle gemeinsam hätten besser machen sollen – und es nicht wollten oder nicht konnten.

Dann setze ich ein Fragezeichen. Warum fällt mir am Ende eines Jahres immer nur eine Verliererliste ein. Warum denke ich überhaupt in Gewinn und Verlust. In den Schlagzeilen kommt das immer gut: Gewinner der Pandemie sind die Internetkonzerne, die Lieferdienste. Und verloren haben mal wieder die Alleinerziehenden, der Einzelhandel, die Kunstszene, die Gastronomie und der heilige Dreiklang „Arme, Schwache, Kranke.“ In vielen Leben steht da heute ein dickes „Nein.“ Gutes besiegt von den Umständen. Schachmatt gesetzt in zwölf Zügen. Kein Ausweg in Sicht.

Die Künstlerin Yoko Ono entwarf 1966 ein Schachspiel ganz in Weiß. Es konnte nicht gespielt werden. Die Spielidee von Siegern und Besiegten funktionierte ohne die schwarzen Figuren einfach nicht. Das Schachspiel wurde einst als Kriegsspiel erfunden. Ganz in Weiß feierte es den friedlichen Kompromiss.

Ausgerechnet diese Ausstellung sollte John Lennon, schon berühmt durch die Beatles, besuchen. Er war irritiert von dem Schachbrett. Stieg aber trotzdem auf die Leiter eines weiteren Kunstwerkes von Ono. Ganz oben hing eine Lupe. Mit ihrer Hilfe konnte er einen winzigen Zettel entziffern, der an der Decke klebte. Darauf stand nur ein Wort: „Yes“.

Er kam sich vor wie ein Idiot, erzählte er später. Wenn da ein „Nein“ gestanden hätte, wäre er gegangen. Aber dieses „Ja“ rührte ihn.

„Ja“, sollten die beiden dann auch zueinander sagen. Sollten eine Ehe führen mit manchmal peinlichen, oft genug aber spektakulären Kunstaktionen. Immer schwang darin ein „Ja“ mit. Das Ja zum Leben, zu der Liebe, zum Frieden, zu Visionen.

„Jasager“ leben gefährlich. Werden ausgenutzt, übers Ohr gehauen, lese ich in diversen Ratgebern. „Lerne endlich Nein zu sagen in vier einfachen Schritten.“ Da ist was dran, wenn von der anderen Seite eine positive Antwort erwartet wird. Positiv nur für den Fragenden, nicht für den Antwortenden. Nein, niemand muss zu allem und jederzeit: Ja und Amen sagen. Noch nicht einmal in der Kirche.

Wann muss ich „Ja“ sagen zu meinem Leben? Wenn es gerade gewirbelt wird, wenn die Zukunft, die finanziellen Absicherungen nur noch ein Flickenteppich sind. Wenn die Sorge, als ungebetener Gast am Frühstückstisch sitzt und einfach nicht mehr gehen will.

Ich könnte jetzt etwas aus der Bibel zitieren. Nützt nur nichts. Füllt nicht das Bankkonto oder den Einkaufswagen, bringt keine Aufträge oder neue Kunden.

Ich kann nur erzählen, was ich mit meiner Nein-Liste gemacht habe. Sie ist im Altpapiercontainer gelandet. Einen Fitzel Papier habe ich aufgehoben. Ein „Ja“ darauf geschrieben. Ein „Ja“ für das kommende Jahr. Damit ich hellsichtig werde für all die Wunder, die es mir vor die Füße werfen wird. Für all die Stolpersteine, die sich vielleicht zu schützenden Mauern verfugen lassen. Für Quallen, die seit 670 Millionen Jahren in den Ozeanen leben. Die kein Gehirn haben und sich dennoch selbst reparieren können. Die sogar leuchten können.

Menschen sind viel komplexere Wesen. Aber auch sie leuchten, wenn sie lächeln, lieben, Gutes tun.

Kerstin Hanke, Pfarrerin

Foto: Gernot Hoersch

Alle Jahre wieder?

Nein! – Dieses Jahr ist alles anders! Kein Gottesdienst in den Evangelischen Kirchen. Kein Gedränge unter dem heimischen Weihnachtsbaum. Dabei lebt doch das Weihnachtsfest, von den immer gleichen Ritualen. Der Baum hat seinen angestammten Platz im Wohnzimmer, monatelang vor dem Fest wurde verhandelt, ob die Enkelkinder schon am ersten Weihnachtstag zur Oma kommen oder leider nur am zweiten. Es wurde immer irgendwie eine Lösung gefunden, und am Ende lagen sich alle in den Armen, und bedankten sich für Weihnachtsbraten und Geschenke. Alle Jahre wieder?

Wie wird es in diesem Jahr sein? Die Runde um den Christbaum wird kleiner. In vielen Familien werden weniger als die „erlaubten“ Gäste am Festtagstisch sitzen. Denn viele erkennen, dass die Lage sehr ernst ist und verzichten freiwillig darauf, die Höchstzahl auszureizen. In diesem Jahr muss niemand lange vor der Kirche warten und hoffen, noch einen Platz zu bekommen: nicht zu weit vorne und nicht zu weit hinten. In diesem Jahr sitzen alle in der ersten Reihe. Der Gottesdienst findet auf dem Bildschirm statt. Und vielleicht gelingt es manchen, auch wenn sie nicht so mit der Technik auf Du und Du sind, die Internetseite der eigenen Gemeinde aufzurufen. Musiker, Pfarrerinnen und Ehrenamtliche suchen auf diese Weise die Nähe zu ihren Gemeindegliedern. Alle Jahre wieder? Vielleicht heißt die Antwort nun sogar:  „Ja“! Denn bekannte Gesichter vermitteln so, die altbekannte Geschichte den vertrauten Menschen in der eigenen Gemeinde, obwohl die Kirchen geschlossen sind.

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind!“ – Das alte Lied steht seit Ewigkeiten nicht mehr im offiziellen Gesangbuch, doch es gehört für viele zu Weihnachten einfach dazu. Das Lied bringt mit wenigen Worten die Weihnachtsbotschaft auf den Punkt: Jesus Christus findet den Weg zu den Menschen. Das Geschehen in Bethlehem ist nicht nur eine zweitausend Jahre alte Geschichte. Das Kind aus der Krippe berührt Menschen immer wieder neu. Die Rituale zu Weihnachten wecken die Sehnsucht nach einer Verbindung zur göttlichen Liebe. Der Evangelist Johannes hat das unnachahmlich beschrieben: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)

Das ist die Hoffnung, die ich mir alle Jahre wieder neu sagen lasse: Gott schenkt dem Menschen seine Liebe, in dem er sich selbst schenkt in Jesus Christus. Er ist sein einziggeborener Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, ein Mensch, wie du und ich, und doch unendlich mehr als ein Mensch. Er schenkt Liebe und gibt Hoffnung auf ein unvergängliches Leben.  Diese Hoffnung halten die Rituale zu Weihnachten wach. Und auch wer zu Hause allein vor dem Baum sitzt, kann die Nähe des menschgewordenen Gottes spüren. – Alle Jahre wieder! Die zweite Strophe des Liedes hält diese Hoffnung wach: „Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus.“

Gottes Segen berührt mich zu Weihnachten besonders. Segen ist ein altes Wort für den guten Zuspruch Gottes. Im Idealfall werde ich dann durch Gottes gutes Wort ein Jahr lang getragen, bis zum nächsten Weihnachtsfest. Alle Jahre wieder! Doch manchmal habe ich das Gefühl, ich bin allein, traurig, einsam und verlassen. Wenn ich dann am Heiligen Abend die dritte Strophe von „Alle Jahre wieder“ singe, weiß ich, dass ich nie ganz allein bin: „Ist auch mir zur Seite still und unerkannt, dass es treu mich leite an der lieben Hand.“

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, ich wünsche Ihnen, dass Sie die Liebe Gottes in diesem Jahr auf ganz besondere Weise erfahren. 

Pfarrer Michael Nitzke aus der Evangelischen Philippus-Kirchengemeinde Dortmund

Alle Jahre wieder. Text: Wilhelm Hey 1837. Melodie: Friedrich Silcher 1860.
(Ev. Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, Verlag W. Crüwell, Dortmund 1929 bis 1969)

Pfarrer Michael Nitkze
Foto: Stephan Schütze

Vier Quadratmeter - Ein Segen

Autos blinken vor der nächsten frei werdenden Parklücke. Der Hintermann hupt entnervt. Vor der Einkaufswagenstation warten die Kunden geduldig. Die Kirchenglocken der Johannes-Kirche läuten zur 12. Stunde des Tages.

Es ist der Montag vor dem Heiligen Abend. Höchste Zeit die Vorräte aufzustocken. Das Fest verlangt nach Braten, Knödeln, Marzipan.  Vier Tage müssen geplant sein. Voll sind die Taschen der Kunden. Das Verstauen der Waren im Kofferraum ist eine logistische Herausforderung. Es gibt nur wenige freie Flecken auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums. Vier Quadratmeter Asphalt vor den Fahrradständer sind noch frei.

Da bauen wir unsere provisorische Kirche auf. Zwei Windlichter über die ein schwarz-gelbes Flatterband die Abstandsregeln anzeigt. „Angebot heute“  steht in fetten Buchstaben auf dem Aufsteller. Darunter „Persönlicher Weihnachtssegen“. Die Menschen tragen Winterjacken. Die Sonne scheint, der Wind ist kalt. Trotz dem Wollpullover unter dem Talar fröstelt es mich. Kirche gehört unter die Leute. Davon bin ich überzeugt. Ob es die anderen auch so sehen?

Ich bin ein Fremdkörper in diesem geschäftigen Treiben. Ich passe nicht so recht zu der Weihnachtsdekoration des Blumenhandels. Meine Maske ähnelt einem Entenschnabel. Einen Friseurbesuch hätte ich zudem bitter nötig.

Was soll das alles hier? Es geht um Segen. Der ist schon ein vertracktes Ding. Einen Fluch kann man aufheben. Einen Segen nicht. In einer Zeit, in der alles Selbstverständliche in Wanken gerät, ist und bleibt er ein Fels in der Brandung.

„Möchten Sie vielleicht einen persönlichen Weihnachtssegen?“ Diesen Satz sage ich hunderte Mal. Manche winken ab, huschen vorbei. Andere nehmen sich Zeit für eine Antwort: „Nicht jetzt, aber trotzdem – Frohe Weihnachten.“ Andere bleiben stehen, zögern und dann kommen sie näher ans Flatterband.

Sie wirken unsicher, fragend. Wir wechseln Sätze: „Was wünschen Sie sich zu Weihnachten? Wie werden sie es feiern?“ Und alles wird einfach. Der Parkplatz, die hupenden Autos, die anderen Kunden werden Hintergrundrauschen. Ich blicke in Augen. Blaue, grüne, braune, manche getrübt hinter Brillengläsern.

„Gott ist der, der mich sieht“, sagt Maria, die Mutter Jesu. Sie sagt das etwas verschwurbelt: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“  

Ich bin Pfarrerin, Kirchenbeamtin. Meine Existenz ist gesichert, weil Menschen auf einen Teil ihres Einkommens monatlich verzichten. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ich eine Art „Kontaktlinse“ für diesen Blick Gottes sein muss.

Daher ist es ganz leicht auf einem Parkplatz Menschen persönlich zu segnen. Ich kann Ihnen keine Garantie geben, dass sich ihre Wünsche erfüllen werden. Aber ich kenne Worte von der Macht des Trostes, der Hoffnung, der Liebe, die sich nun mit diesem Gegenüber verweben werden. Gott ist der, der mich sieht. Einen Wimpernschlag lang. Erhobene Hände. Kreuzzeichen. Dann höre ich wieder die Reifen auf dem Asphalt.

Ich blicke in lächelnde Augen. Manche blinzeln Tränen fort.  Und dann gehen sie wieder. Ich blicke ihnen nach. Bilde ich es mir vielleicht nur ein? Sehen sie gestärkter aus?

Kerstin Hanke, Pfarrerin

Pfarrerin Kerstin Hanke (l.) beim „Segen auf vier Quadratmetern“ in Wickede.
Foto: Stephan Schütze

Advent – kein Lockdown für Herzenstüren

Mitten im Advent hat der Lockdown begonnen. Die Türen der Wohnungen, Geschäfte und vieler Kirchen werden geschlossen. Rumms! So muss es jetzt wohl sein.

Bei aller Einsicht in die Maßnahmen geht mir das durch Mark und Bein. Rumms, die Tür war zu! Wenn eine Tür zufällt, zuckt man zusammen. Manchmal ist es der Durchzug. Manchmal aber – auch das ist mir schon passiert – schlägt jemand einem die Tür vor der Nase zu. Rumms! Dann ist das Gespräch zu Ende. Geh am besten und komm nicht wieder! Der Freund will nichts mehr von einem wissen. Die Kollegen haben einen gemobbt. Man wurde betrogen und das Vertrauen enttäuscht: Rumms!

Besonders weh tut das, wenn es einmal Zeiten gab, in denen man sich sprichwörtlich gegenseitig offene Türen eingerannt hat.

Jeden Morgen öffnen wir ein Türchen am Adventskalender. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“, singen wir. Advent heißt: Türen öffnen sich – und Gott tritt ein in die Welt und ins Haus meines Lebens.

Aber jede offene Tür erinnert daran: Sie könnte auch verschlossen sein, denn um Räume zu verschließen, sind Türen ja eigentlich gemacht.

Zwischen Gott und uns Menschen kann die Tür auch geschlossen sein. Nie vergesse ich das kurze Gespräch, das ich als junger Vikar in der Seelsorgeausbildung im Prosper-Hospital in Recklinghausen am Bett einer schwer kranken älteren Frau geführt habe. „Wenn Sie wüssten, was ich alles auf der Flucht aus Ostpreußen gesehen habe. Mit eurem Gott bin ich fertig!“ Das Trauma der Flucht hatte diese Tür verschlossen. Rumms! In meiner Unerfahrenheit konnte ich vor der Wucht dieser Ablehnung gar nicht schnell genug die Flucht durch die Tür des Krankenzimmers antreten.

Advent heißt: Gott überschreitet die Schwelle der Enttäuschung, der Wut, der Verbitterung, der Gleichgültigkeit. Er öffnet Schloss und Riegel, um durch die Tür deines Herzens einzutreten. Das ist nicht immer so feierlich wie im Gottesdienst, nicht immer so lustig wie das Öffnen eines Türchens am Adventskalender. Das kann sehr schmerzlich sein und für Gott sehr mühsam. Manchmal muss er dabei mit Fingerspitzengefühl und Geschicklichkeit vorgehen – wie ein Techniker von einem Schlüsseldienst. Jesus hat uns meisterhaft vorgelebt, wie Gott das macht: Zugewandt, mit offenen Ohren und einem weiten Herzen für die Schwachen, mit großartigen Geschichten über Gott und seine neue Welt, mit Liebe und Hingabe.

Immer wieder macht Gott auch uns zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in diesem „Schlüsseldienst“, damit wir in seinem Namen Herzenstüren öffnen.

Gott kann aber auch kraftvoll und gewaltig die Tür deines Lebenshauses einrennen und dein Herz im Sturm erobern. Die Wucht, mit der er an Weihnachten in Jesus, dem Kind in der Krippe, in diese Welt gekommen und geblieben ist, wirkt bis heute nach. Und sie bewegt unsere Herzen bis heute selbst dann, wenn wir uns hermetisch abriegeln.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Sicherheitsdenker bin. Jeden Abend der Rundgang durchs Haus: Ist die Tür auch abgeschlossen, sind alle Fenster zu, sind die Rollläden runter? Man will ja keinen ungebetenen Besuch bekommen. So mancher hat sich da schon auf meine Kosten amüsiert. Trotzdem bleibe ich dabei: Einbruchschutz ist wichtig.

Aber als Haltung für mein „Lebenshaus“ ist das buchstäblich der Anti-Advent nach dem Motto: Macht dicht die Tür, die Tor macht zu! Wir wollen einfach unsre Ruh.

Du kannst das Haus deines Lebens verrammeln wie deine Wohnung. So, dass du nicht gestört wirst, wenn einer klopft. So, dass du hinter dicken Burgmauern sitzt, wenn draußen die Welt untergeht. Oder ein Boot im Mittelmeer mit hunderten Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. So, dass du nicht damit rechnen musst, dass von außen etwas eindringt, das dich verändert, dich in Frage stellt und zu neuen Antworten drängt. Den Anti-Advent gibt es auch jetzt mitten im Advent. Wie gut, dass Gott beides kann, Schlösser knacken mit Fingerspitzengefühl und Herzenstüren einrennen mit Wucht.

Du aber solltest die Tür deines Herzens auch schon ein wenig öffnen. Wenigstens einen kleinen Spaltbreit. Es gibt gute Herzens-Türöffner, die dir dabei helfen:

Der Adventskranz, der sagt, „Licht kommt in die Welt!“

Die Lieder dieser Zeit, die sagen: „Wenn Gott kommt, dann bringt das die Seele zum Klingen.“

Der Blick auf die bedürftigen Menschen um dich herum, der dir sagt: „Du lebst nicht nur für dich allein, Gott begegnet dir in deinen Brüdern und Schwestern!“

Gebet – Stille – Besinnung, die dich empfänglich machen für Gottes Stimme.

Weihnachten steht vor der Tür! Der Lockdown gilt nicht für Herzenstüren.

Pfarrer Hanno Gerke

Pfarrer Hanno Gerke
Foto: privat

Das „Unkraut“ Hoffnung

von Kerstin Hanke

Er ist hartnäckig, tiefgründig und voller Überraschungen. Wer ihn in seinen Garten hat, steht vor der Wahl. Lass ich ihn blühen, oder rottete ich ihn aus? Was sich allerdings als eine von vornherein verlorene Schlacht entpuppen wird. Trotz Spaten und Hacke, trotz Pflanzengift und brühendem Wasser:

„Taraxum officinale“ - so der majestätische lateinische Name des Überlebenskünstlers - wird den Sieg davon tragen. Löwenzahn quetscht sich in Lücken zwischen Wegplatten und hält sein sonnengelbes Gesicht im schönsten Rasen in die Sonne. Lerne ihn zu lieben, lautet daher der weise Rat erfahrener Gärtnerinnen.

Und warum auch nicht? Dieses „Unkraut“ ist durch und durch gesund. Seine bitteren Blätter sind gut für unsere Verdauung, die Blüten ergeben leckeren Sirup, die Wurzeln einen gesunden Tee. Und als Pusteblume hält er die Erinnerung an unbekümmerte Kindertage in uns wach.

Kein Wunder, dass der Löwenzahn in der christlichen Tradition verehrt wurde. Bevor die Osterglocken ihm den Rang streitig machten, war er „die“ Osterblume. Sein leuchtendes Sonnengelb stand für die unbesiegbare aufgehende Sonne Jesus Christus. Die Verwandlung der absterbenden Blütenblätter zur federigen Pusteblumenschopf erzählte anschaulich von der Auferstehung. Wie ein starker Löwe sei Christus in das Reich des Todes hinabgestiegen, beschreiben es mittelalterliche Gesänge. Sein Blut vergossen wie die Löwenzahnmilch. Die Liebe Gottes überflutet die Welt wie der fallschirmartige Pusteblumensamen.

Seitdem blüht den Menschen die Hoffnung. Sie drängt sich in die kleinste Ritze, sie sprengt Asphalt und sprenkelt Trümmerlandschaften mit Sonnenlicht.

Hoffnung ist keine Zierpflanze für die guten Tagen. Hoffnung ist wie ein Wildkraut, das auch ohne Dünger und Stützstäbe wuchert. In dieser Osterzeit, in der wir nicht nebeneinander singen, beten und essen werden, sind wir gezwungen andere Formen zu finden. Das ist bitter. Um so wichtiger wird es, das Gute zu entdecken und wertzuschätzen.

In diesen Krisentage freue ich mich an den ersten Löwenzahnblüten, die noch etwas verschämt in die Sonne blinzeln. Ich glaube, dass wir Hoffnung bitter nötig haben. Auch wenn Krankheiten, Krisen und Katastrophen uns die mit Gewalt aushacken wollen. Und wenn Ihre Hoffnung gerade etwas welkt, schauen Sie mal auf den Straßenrand, in den Hinterhof, auf ein Stück Brachland. Ich bin mir sicher, Sie entdecken dort einen Ostergruß.

Kerstin Hanke ist evangelische Gemeindepfarrerin in Wickede und Asseln

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„Taraxum officinale“. Foto: Pixabay/Brigitte Neubert