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10.03.2020

Wann wird der Glaube menschenverachtend?

Kinogottesdienst in St. Reinoldi zeigte „Der verlorene Sohn“

Gaby Tupper ist fest davon überzeugt: Wir Menschen sind Geschöpfe Gottes. „Er hat mich so geschaffen, wie ich bin, als schwuler Mann.“ Und sie fügt hinzu: „Als Person mit großer Frisur und viel zu viel Make-Up.“ Tupper ist queere Christin und Drag Queen.

Gemeinsam mit dem Team von Kino und Kirche hat sie Anfang März in der evangelischen Stadtkirche St. Reinoldi Filmausschnitte von „Der verlorene Sohn“ präsentiert. Es ist ein Gottesdienst mit „großem Kino, das große Gefühle in bewegten Bildern zeigt“, kündigt Pfarrer Christian Höfener-Wolf an.

Treffender als der deutsche ist der englische Originaltitel des Streifens „Boy erased“ – Junge ausradiert. Denn der Film erzählt die wahre Geschichte der versuchten Umerziehung des 19-jährigen homosexuellen Garrard Conley, der in Arkansas, dem „bible belt“ der USA, aufwächst.

2004 soll er mit Hilfe einer Konversionstherapie in einem christlich-fundamentalistischen Zentrum entschwult werden. Hier fallen so Begriffe wie „homosexuelle Sünden, Erneuerungsprogramm, ausmerzen“ und „Gott wird dich nicht lieben“.

„Für mich“, sagt Pfarrerin Susanne Karmeier im Gottesdienst, „ist das Missbrauch von Gott“.  Der Film, so kommentiert Pfarrer Bernd Becker, „erschüttert und macht wütend“. Und er wirft die Frage auf: Wo dient der Glaube dem Leben und wo wird er menschenverachtend?

Konversionstherapien gehen davon aus, dass Homosexualität eine Krankheit, eine psychische Störung sei, und somit „heilbar“. Sie ignorieren, dass die Wissenschaft Homosexualität mittlerweile als Variante der Evolution ansieht. Krank sei nicht der oder die Homosexuelle, sondern die dubiosen Methoden der „Heiler“, erläutert Tupper. Und sie zählt diese Methoden auf: Schlafentzug und Elektroschocks mit dem Ziel, die Menschen zu brechen, die „jugendlichen Seelen umzupolen.“ „Sie sind Opfer.“

„Boy erased“ schildert die quälenden Verhöre, die Gehirnwäsche und erzwungenen Selbstanschuldigungen. „Wir haben nur eine Aufgabe, uns wieder auf den Pfad Gottes zu begeben“, lässt der Film den Chef des Konversionszentrums sagen. Denn schwul sein, das bedeute, ein sündhaftes Leben zu führen. „Für uns Christen geht es dabei ums Eingemachte“, kommentiert Karmeier. Zusammen mit Becker zerpflückt sie das Argumentationsmuster, die Bibel würde Homosexualität verurteilen. Bei den zitierten Stellen gehe es um Vergewaltigung und Missbrauch, nicht um gleichberechtigte Liebe und Sexualität.

Garrard Conley bricht seine Umerziehung ab. „Ihr spinnt doch alle“, meint er im Film, der auch die Solidarität und Hilfe unter den Opfern zeigt. „Mein Verlangen, meine Sehnsucht, meine Liebe gehören zu mir. Sie lassen sich nicht umpolen“, sagt Gaby Tupper.

„Boy erased“ hat dazu beigetragen, die Konversionstherapien zu problematisieren. In Deutschland wurde Ende des letzten Jahres ihr Verbot beschlossen. Das Gesetz wird vermutlich im Sommer in Kraft treten.

Foto: EvKkDo
Gaby Tupper (rechts) zusammen mit dem Team von „Kino und Kirche“: Kantor Christian Drengk, Pfarrer Christian Höfener-Wolf, Pfarrerin Susanne Karmeier und Pfarrer Bernd Becker (v.l.).
Foto: EvKkDo