09.03.2021

Sorgen per Telefon, Mail und Chat

Die TelefonSeelsorge hilft bei akuter Seelennot zu Zeiten der Pandemie

Einsamkeit – das sei nach einem Jahr Corona und mehreren Monaten Lockdown das vorrangigste Problem von Menschen, die auf der Suche nach Hilfe die Telefonnummer 0800 1110 111 wählen, sagt Ingrid Behrendt-Fuchs, Pfarrerin und Leiterin der ökumenischen TelefonSeelsorge in Dortmund. Die Beobachtung der Dortmunder Seelsorgerin deckt sich mit den Erkenntnissen der TelefonSeelsorge im ganzen Land. Gerade hat die TelefonSeelsorge Deutschland ihre Jahresstatistik für 2020 vorgelegt. Auch die bundesweite Erhebung macht deutlich, dass das Thema Einsamkeit den größten Raum unter den angesprochenen Problemen einnimmt, gefolgt von den Themen Krankheit und Depressionen.

Häufig treten in Zeiten von Kontaktsperre und verordneter sozialer Distanz Probleme deutlich zu Tage, die für Betroffene jedoch schon lange latent belastend gewesen seien, erläutert Ingrid Behrendt-Fuchs. Das Gesamt-Portfolio der Themen habe sich im Kern indes nicht wesentlich verändert. Auch das Thema „Häusliche Gewalt im Lockdown“, von vielen Boulevard-Medien gerne in den Vordergrund gestellt, habe in den Gesprächen nicht wesentlich zugenommen. „Mag sein, dass das an mancher Stelle ein Thema ist“, sagt die leitende Telefonseelsorgerin, „aber es wird bei uns nicht vermehrt angesprochen.“

Bundesweit haben indes die Gespräche zum Thema Suizidalität zugenommen. Die Jahresstatistik 2020 weist eine Steigerung von Gesprächen um 17 Prozent aus, in denen Gedanken geäußert worden seien, dem eigenen Leben ein Ende zu bereiten. Das, so Ludger Storch, Leiter der TelefonSeelsorge in Bochum und zugleich Vorsitzender der bundesweiten Arbeitsgruppe Statistik, habe die Fachleute überrascht. „Wir sind bisher davon ausgegangen, dass es keine signifikant höhere Zahl von Gesprächen mit Menschen gab, die von Suizidgedanken gequält werden oder durch die Suizidalität eines Menschen im eigenen Umfeld betroffen sind“, so der Diplom-Theologe.

Suizidgedanken, die in Beratungsgesprächen geäußert würden, seien keinesfalls immer weit gediehen oder schon auf eine konkrete Suizidhandlung ausgerichtet, weiß Ingrid Behrendt-Fuchs. Aber auch wenn solch ein Gedanke in einem Gespräch nur am Rande einfließe, werde er ernst genommen. „Wir gehen in jedem Fall auf einen solchen Aspekt ein und fassen nach“, sagt die Pfarrerin.

„Dass die Einsamkeit am Telefon den größten Raum einnehme, sei nicht verwunderlich“, meint Seelsorger Ludger Storch. „Über die Hälfte unserer Telefon-Kontakte ist 50 Jahre und älter, umfasst also einen großen Teil derjenigen, die sich durch die Pandemie in ihren Sozialkontakten besonders einschränken mussten.“ Doch auch unter jüngeren Ratsuchenden nimmt das Thema Einsamkeit einen immer breiteren Raum ein. Die allerdings nutzen vermehrt andere Medien, um mit den Beraterinnen und Beratern in Kontakt zu treten. Menschen aus der Altersgruppe zwischen 15 und 39 Jahren telefonieren zwar seltener, sie nutzen aber die Hilfsangebote per Mail oder Chat. Deren Nutzung im Angebot der TelefonSeelsorge hat im zurückliegenden Jahr einen eklatanten Zuwachs erfahren. Hat die Zahl der Telefonanrufe übers Jahr um fünf Prozent zugenommen, so steigerten sich die Mail-Beratungskontakte um 28 Prozent. Und die Beratung im Chat wuchs sogar um mehr als 70 Prozent an.

Das bestätigt auch Ingrid Behrendt-Fuchs, auch wenn in der Dortmunder Beratung das Telefon noch immer das zentrale Medium darstelle. Aus Gründen der Vertraulichkeit und Datensicherheit werden hier die Seelsorge-Telefonate ausschließlich in den dafür vorgesehenen Büroräumen der TelefonSeelsorge entgegengenommen. Und die sind an jedem Tag rund um die Uhr besetzt. Ingrid Behrendt-Fuchs ist stolz auf das verlässliche Angebot ihres Teams und dankbar für dessen große Einsatzbereitschaft. „Es ist großartig, wie engagiert alle Ehrenamtlichen bei uns nach wie vor dabei sind“, sagt sie. So bleibt die TelefonSeelsorge eine verlässliche Anlaufstelle, auch nach einem Jahr Pandemie.

Die Telefonseelsorge ist zu erreichen unter der

Foto: Archiv/Stephan Schütze
Seelsorge in Zeiten der Pandemie – am Telefon, per Mail oder im Chat.
Foto: Archiv/Stephan Schütze