01.10.2018

Sexarbeiterinnen werben für Toleranz und Respekt

Veranstaltung in St. Petri über die Sicht auf Prostitution

Anna ist Sexarbeiterin, Prostituierte. Die junge Frau ist vor mehreren Jahren aus Osteuropa nach Deutschland gekommen und hat nach einiger Zeit diesen Beruf gewählt. „Es war freiwillig“, sagt sie. Und doch nicht so ganz. „Aufgrund der deutschen Gesetze konnte ich in keinem anderen Beruf Geld verdienen.“ Zusammen mit Inga, ihrer Kollegin aus der Linienstraße, wirbt sie für Respekt, Toleranz und Anerkennung ihrer Tätigkeit.

Deshalb saßen die beiden bei einer Diskussionsveranstaltung in St. Petri mit auf dem Podium. Der Förderverein der Mitternachtsmission, die Evangelische Stadtkirche St. Petri und der Verein „Ostwall 7 bleibt“ konnten als Veranstalter des Abends eine außergewöhnliche Zusammensetzung der Diskutanten präsentieren: Neben den Sexarbeiterinnen plädierte Klaus, ein Kunde, und Selka, ein Bordellbetreiber, für mehr Verständnis. Mit auf dem Podium waren Jutta Geißler-Hehlke vom Förderverein der Mitternachtsmission, die Ständig Stellvertretende Superintendentin Andrea Auras-Reiffen und Heiner Minzel, früherer Chef des Kriminalkommissariats 12, besser bekannt unter der Bezeichnung „Sittenpolizei“.

Rund 200 Frauen arbeiten in der Linienstraße, in insgesamt 16 Häusern, zählte Minzel auf. Wobei wichtig sei, wie Geißler-Hehlke ergänzte, dass die Frauen freiwillig arbeiteten. Selka schränkte das etwas ein: „Wir können bei dieser Zahl nicht ausschließen, dass es auch Fälle von Zwang oder Ausnutzung gibt.“ Wogegen allerdings die Bordellbetreiber gemeinsam mit der Mitternachtsmission und der Polizei angehen.

Die beiden Sexarbeiterinnen und ihr Kunde verstehen die Angebote in der Linienstraße als eine Dienstleistung. „Ich finde, jeder sollte die Möglichkeit haben, seine Sexualität frei auszuleben“, meinte Klaus. „Und hier kann ich das.“ Inga („Klaus ist ein ganz Netter.“) versteht deshalb nicht, „warum wir einen Stempel auf die Stirn bekommen, auf dem Hure steht“. Anna erzählte, dass Kunden zu ihnen kommen, die eine seelische Last haben. „Männer, die alleine sind, die eine körperliche Behinderung haben, die sich nicht trauen, eine Frau anzusprechen.“

Immer wieder gab es Zustimmung und Applaus aus dem Publikum, doch einige wehrten sich dagegen, dass die Prostitution als „normaler Beruf“ bezeichnet wird. Es sei keine Dienstleistung, sondern Gewalt an den Frauen.

Anna und Inga verstehen das offenbar nicht so. „Ich wünsche mir“, sagte Anna, „dass die Gesellschaft unsere Tätigkeit akzeptiert.“ Häufig schäme sie sich, ihren Beruf zu nennen – ganz banal bei einem Handy- oder auch Wohnungsvertrag. „Ich wünsche mir, dass wir uns nicht immer verstecken müssen.“ Auch an diesem Abend war das so. Anna und Inga sind ihre Künstlernamen, sie selbst waren mit Perücke und Sonnenbrille verkleidet. Auch Klaus versteckte sich hinter einer Maske.

Andrea Auras-Reiffen, die Ständig Stellvertretende Superintendentin des Kirchenkreises, ist von Annas Statement berührt. „Wir müssen uns fragen, wie wir uns verhalten, wie wir agieren.“ Moralsätze seien ein schwieriges Pflaster. „Ich höre, man will als Mensch wahrgenommen werden.“

Schon bei der Begrüßung hatte Christel Schürmann, die Stadtkirchenpfarrerin, darauf aufmerksam gemacht, dass eine Frau namens Anna zusammen mit vielen anderen Frauen stets in St. Petri präsent seien. Es sind die Frauen aus dem Leben Jesu, dargestellt auf dem Altar. „Frauen“, so Schürmann, „die eine ganz besondere Rolle spielen und hinter jeder steckt eine besondere Geschichte.“ So wie hinter Anna und Inga, die auf dem Podium saßen.

 

 

Über die Stellung von Sexarbeiterinnen in unserer Gesellschaft ging es bei einer Podiumsdiskussion in St. Petri. Foto: Stephan Schütze