Im Mittelpunkt die Freiheit

Reformationsgottesdienst in der Stadtkirche St. Reinoldi.

„Wir sind überwältigt, wie viele Menschen heute gekommen sind“, begrüßte bereits zehn Minuten vor dem großen Reformationsgottesdienst in der Stadtkirche St. Reinoldi die Stellvertretende Superintendentin Andrea Auras-Reiffen die Gemeinde. Und tatsächlich hat es eine zweite Kirche gebraucht, um alle Besucherinnen und Besucher zu fassen. Genauer: Pfarrer Ingo Maxeiner hatte alle Gottesdienstbesucher, die in St. Reinoldi keinen Platz mehr gefunden hatten, zu einem spontan gehaltenen Gottesdienst in der benachbarten Stadtkirche St. Marien eingeladen

Den Höhepunkt des 500-jährigen Reformationsjubiläums wollte der Evangelische Kirchenkreis nicht nur mit evangelischen Christen feiern. Deshalb konnte er in der Stadtkirche Vertreter der katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche begrüßen, Gäste aus Sri Lanka und dem Kongo, Mitglieder der jüdischen Kultusgemeinde und der Moscheegemeinden sowie Vertreter aus Politik und Öffentlichkeit. „Wir freuen uns, dass sie mit uns feiern“, so Auras-Reiffen.

Und gefeiert wurde in dem zweistündigen Gottesdienst mit Gebet und Predigt, Statements zum Thema „Freiheit“ und Gesang. Unterstützt von der Kantorei unter Leitung von Wolfgang Meier-Barth, dem Gospelchor unter Leitung von Bettina Knorrek und Jutta Timpe, dem Bläserchor unter Leitung von Hannelore Heinsen  und mit dem Reinoldikantor Klaus Eldert-Müller (Orgel).

„So einfach ist das gar nicht, mit der evangelischen Freiheit“, betonte Superintendent Ulf Schlüter in seiner Predigt. Sicher hätte „der Freigeist“ Luther auf dem Reichstag in Worms vor Kaiser und Fürsten frei und mutig gestritten, doch wenig später hätte er sich gegen die Bauern gestellt und den Fürsten „eine Lizenz zum Töten im theologischen Gewand“ gegeben. Es gebe folglich, so Schlüter, „keinen Grund, sich protestantisch aufzuplustern.“ Mit Paulus mahnte er, doch um Gottes willen die Freiheit nicht zu verschenken. „Man kann sich die Gnade nicht erkaufen durch Befolgung religiöser Vorschriften.“

Mit einem  „herzlichen Glückauf und Hallelujah“ überbrachte Oberbürgermeister Ullrich Sierau seine Glückwünsche zum „500. Geburtstag der evangelischen Kirche.“ „Sie sind gut in Schuss“, lobte er. Auch Sierau griff das Thema der Freiheit in seinem Grußwort auf. „Die Freiheit muss in diesen Zeiten recht tapfer sein, denn ihre Feinde missbrauchen sie.“ Freiheit, Toleranz und Solidarität seien Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft. Die gelte es zu verteidigen, „denn sie ist heute verletzbarer als zu anderen Zeiten.“

Zwi Rappoport vom Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde betonte die antisemitischen Schattenseiten der Reformationsgeschichte. Mit seinen Forderungen nach dem Niederreißen von Synagogen, Zerstörung jüdischer Häuser, Verbot der Religionsausübung, Zwangsarbeit und Vertreibung hätte Luther alle „verbrecherischen Maßnahmen gefordert, die das nationalsozialistische Deutschland den Juden angetan hat.“ Rappoport lobte die eindeutige Abkehr der EKD von der Judenmission. „Das bedeutet der jüdischen Gemeinschaft viel.“

Für Propst und Stadtdechant Andreas Coersemeier sind „Christen häufig freier als manche anderen“. Denn  die Freiheit aus dem Glauben heraus mache es möglich, „einen umfassenden Lebenssinn zu entwickeln“. Auch deshalb würden sich viele Menschen in Dortmund für Flüchtlinge, gegen Rechtsextremismus oder für den interreligiösen Dialog engagieren.

„Die Hoffnung unseres Landes ist Freiheit“, sagte Asiri Perera, Präsident der methodistischen Kirche Sri Lankas in seinem Statement. Die methodistische Kirche vereine als einzige religiöse Glaubensrichtung die beiden Volksgruppen der Singhalesen und Tamilen. Perera erwartet die „Morgendämmerung von Friede, Freiheit und Gleichheit“ für sein Volk.

Nach dem Gottesdienst hatte der Kirchenkreis zu Lutherbrötchen und Lutherbier vor der Kirche, auf dem Hansemarkt eingeladen.

Ausschnitte aus dem Gottesdienst und vom anschließenden Empfang auf dem Hansemarkt im Video