20.03.2023

„Zukunft einkaufen – glaubwürdig wirtschaften in Kirche“

Kirchengemeinde St. Reinoldi ist als erste Gemeinde in Westfalen zertifiziert

Von Nicole Schneidmüller-Gaiser

Mit einer Urkunde für ihr öko faires Beschaffungsmanagement wurde jetzt die Evangelische Kirchengemeinde St. Reinoldi in Dortmund ausgezeichnet. Alle drei Zentren der Gemeinde (Jakobus, Heliand und Melanchthon) sind jetzt zertifiziert durch das Institut für Kirche und Gesellschaft der evangelischen Kirche von Westfalen. „Zukunft einkaufen – glaubwürdig wirtschaften in Kirche“ ist für die Verantwortlichen, die sich zur Übergabe in der Heliandkirche zusammengefunden haben, aber weit mehr als nur ein „Projekt“ – es ist eine Lebenseinstellung, die sich längst quer durch alle Bereiche ihres kirchlichen und auch privaten Lebens zieht …

Kaffee und Tee. Die Kekse zur Besprechung. Teelichte, Druckerpapier und sogar die Blumen auf dem Altar. Wenn man einmal anfängt, genauer hinzuschauen, findet man unzählige Produkte, deren Anbau, Verarbeitung und Transport kritisch betrachtet werden können. Das sechsköpfige Umweltteam der Kirchengemeinde St. Reinoldi schaut schon lange genauer hin – seit seiner Gründung 2009 wurden Klima-, Umwelt- und Artenschutz fest als Gemeindethemen etabliert. 2015 erhielt Reinoldi die Zertifizierung als energiesparende „Grüner Hahn“-Gemeinde, und vor etwa eineinhalb Jahren brachten die engagierten Umweltschützer das Thema „Faire Beschaffung“ ins Presbyterium.

„Um möglichst viele Menschen `mitzunehmen´, haben wir zunächst einmal zu einer Kick-Off-Veranstaltung mit allen Hauptamtlichen eingeladen“, erinnert sich Pfarrerin Christine Dahms, als sie gemeinsam mit Vertreter*innen des Teams „Grüner Hahn“, des Umweltteams und Mitgliedern des Presbyteriums die Urkunde aus der Hand von Joana Pires-Heise vom Projektbüro „Zukunft einkaufen“ in Villigst entgegennimmt. „Gemeinsam haben wir erst einmal Fleißarbeiten gemacht, um herauszufinden, was wir verändern können.“

Denn der Einkauf in einer Kirchengemeinde unterscheidet sich gar nicht so sehr vom privaten Haushalt. Die Qualität der Waren muss stimmen, der Preis muss zum Budget passen, und der Einkauf sollte ohne allzu großen Umstand möglich sein. Als die lange Liste der Waren, die eine Gemeinde so braucht, schließlich vorlag, ging es ans Abwägen: Welche Produkte werden auch in Mehrwegverpackungen angeboten, wo kann man auf Plastik und auf lange Transportwege verzichten, was kommt bei uns auf den Teller? „Dabei ging es uns darum, dass die Leute in allen Gruppen merken, dass sich auch durch kleine Schritte etwas ändern lässt“, erklärt Presbyterin Tina Ellischewski.

Aus insgesamt 12 möglichen Themenbereichen konzentrierte sich die Kirchengemeinde schließlich auf die Bereiche „Küche“, „Nachhaltiges Büro“ und „Dekoration und mehr“, erarbeitete eine „Beschaffungsleitlinie“ und legte in einer „Beschaffungsordnung“ schließlich fest, welche Produkte durch die Einkäuferinnen und Einkäufer zukünftig eingekauft werden.

In der Küche, erzählt Presbyterin Sabine Bieniek, wurden dazu kurzerhand alle Schränke leer geräumt – um erst einmal einen Überblick zu bekommen. „Dabei haben wir dann auch gleich mal abgelaufene Lebensmittel gefunden“, lacht sie. Im Sinne der Nachhaltigkeit wurden die aber natürlich nicht ungeprüft weggeworfen – sondern, wenn möglich, schnell verzehrt. Bei dieser Bestandsaufnahme wurde den Umweltschützern auch noch etwas anderes bewusst: Weniger ist manchmal genug – ab jetzt gibt es nur noch drei Teesorten statt der ganz großen Auswahl. Und: Manchmal besteht das Leben aus Kompromissen. „Der Gepa-Tee ist zwar fair produziert und fair gehandelt, aber in Plastik eingepackt“, bedauert Pfarrerin Dahms. „Aber das ist kompostierbares Plastik“, beruhigt Martin Schimmel aus dem Team Grüner Hahn.

Während die Entscheidung für Teelichte, die nach dem Gebrauch gesammelt und zur Wiederbefüllung in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen geschickt werden, leichtfiel, musste die Gemeindesekretärin längere Zeit warten, bis ein neues Büropapier gefunden war, das recycelt wurde, aber trotzdem „hochwertig“ aussah.

Nun wird die Gemeinde über die selbst auferlegten Regeln informiert. „Regionale (kurze Transportwege) und fair gehandelte Produkte bekommen (…) den Vorzug. Bei Elektrogeräten wird auf Sparsamkeit und lange Nutzungsdauer geachtet. Kopierpapier und Hygieneprodukte sollten aus recyceltem Material beschaffen sein. Dienstleistungen müssen ökologisch, fair und sozial ausgeführt werden …“ heißt es auf der Homepage der Gemeinde (www.reinoldi-do.de). „Diverse Siegel wie „Fair Trade“, Blauer Engel, Bioland, Energielabel und das FSC-Siegel geben bei der Auswahl der Produkte eine erste Hilfestellung.“ So hoffen die kirchlichen Umweltschützer*innen, dass sich möglichst viele Gemeindeglieder auch privat anschließen. Die „lästigen Vorarbeiten“ sind schließlich schon getan.

Besonders stolz sind die Kirchenleute auf die vielen tollen Ideen zum Thema „Dekoration und mehr“. „In ein paar Wochen fängt hier rund um die Kirche alles an zu blühen“, freut sich Sabine Bieniek schon. Denn neben den „Rosen gegen Nazis“, die schon seit einiger Zeit die Fassade der Heliandkirche in Richtung B1 schmücken (und unerwünschte Graffitis verhindern), wachsen in verschiedenen Beeten demnächst Blumen, die Insekten als Nahrungsquellen dienen und die außerdem zum umweltfreundlichen Altarschmuck werden sollen. Frischer und regionaler geht es nun wirklich nicht …

Foto: Stephan Schütze
Klima-, Umwelt- und Artenschutz sind in der Reinoldi-Kirchengemeinde schon seit Jahren fest als Themen etabliert. Über die Zertifizierung freuen sich nun mit den verschiedenen Arbeitsgruppen auch Mitglieder des Presbyteriums und Gemeindepfarrerin Christine Dahms.
Foto: Stephan Schütze