09.06.2024

„Trägerschaft ist strukturell unterfinanziert“

Sommersynode wirft kritischen Blick auf Kitas, Gebäude und Zusammenarbeit

Leidenschaftliche Debatten und teils heftige Diskussionen prägten die Sommersynode des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund an diesem Wochenende (8.6.2024) im Reinoldinum. Insgesamt 165 stimmberechtigte Vertreterinnen und Vertreter aus den 28 Gemeinden, Einrichtungen und Diensten in Lünen, Selm und Dortmund sowie zahlreiche Gäste rangen den kompletten Samstag um zukunftsfähige Lösungen, tragfähige Ideen und die richtigen Schwerpunkte der kirchlichen Arbeit. „Die Frage wird immer drängender: Wie schaffen wir das?“, fragte Superintendentin Heike Proske zu Beginn der Sitzung im Namen des Theologischen Leitungsteams (TLT). Weniger Personal, weniger Finanzkraft, weniger Bedeutung in der Gesellschaft – aber gleichzeitig nähmen die Themen zu, die zu bearbeiten seien. Eine komplexe Gemengelage, die nur schwer zu durchdringen ist – und bei der vielen schon klar ist, dass es nur durch schmerzhafte Einschnitte und mutige Veränderungen überhaupt langfristig weitergehen kann.

Vernetzung, Professionalisierung und Konzentration könnten nach dem Willen der Aktiven einige der Wege sein, um die Institution Kirche in Richtung Zukunft zu lenken. Doch welche der Wege gewählt werden sollen, darum muss das basisdemokratisch und proportional besetzte Gremium ringen, darum werden auf der zweimal jährlich tagenden Synode Argumente vorgetragen, Anträge gestellt, Gegenreden gehalten und am Ende abgestimmt. Immer leidenschaftlich, manches Mal emotional, aber immer im Bemühen, die Zukunft zu gestalten.

Den Kitas fehlt Geld

Natürlich brauchen der Glaube an Gott und das Christ*in-Sein weder Struktur noch Geld. Doch die Angebote, die Kirche und Diakonie im Laufe der Zeit aufgebaut haben, um der Spiritualität auch noch praktisches Handeln an die Seite zu geben, sind professionell aufgestellt, arbeiten ohne Gewinnorientierung, aber mit hauptamtlichem, also bezahltem Personal  – und sie dienen letztendlich nicht nur „der Kirche“, sondern auch der Gesellschaft insgesamt. So werden in den 68 gemeinsamen Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis mehr als 6000 Kinder von mehr als 1200 Mitarbeitenden betreut. Eine gesetzlich vorgeschriebene Pflichtaufgabe, die originär bei den Kommunen liegt, weil dadurch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert und Chancengleichheit verbessert werden soll. Doch das Kinderbildungsgesetz, kurz KiBiz, in dem die Finanzierung dieser unbestritten wichtigen Arbeit geregelt ist, teilt die Träger von Einrichtungen, die die Betreuung subsidiär, also im Auftrag der Städte übernehmen, in „reiche“ und „arme“ Träger ein – und unterscheidet bei der Höhe der Erstattungen, ob eine eigene oder eine gemietete Immobilie genutzt wird.

Hier kommen die Gemeinden ins Spiel, denn 54 der 68 Kitas sind in Räumen untergebracht, die den Gemeinden gehören. Das Land wertet das als „eigene Räume“ und erwartet zur Unterhaltung einen Eigenanteil in Höhe von 10,3 Prozent. Das summiert sich, wie Thomas Grabowski für den Leitungsausschuss mahnt: „Unsere gemeinsame Trägerschaft ist strukturell unterfinanziert. Unsere Ersparnisse sind aufgebraucht.“ Als „eine Kernaufgabe von Kirche“, bezeichnet Superintendentin Heike Proske die Arbeit. Auch deshalb bekommen die Kitas seit zehn Jahren einen fixen Betrag aus den zugewiesenen Kirchensteuermitteln.  Doch weil die Kosten steigen, reichen diese 2,73 Millionen Euro nicht aus – und die Finanzierungslücke wird von Jahr zu Jahr größer.  

„Die Kinder sind doch unsere Zukunft“, bringt sich Kita-Leiterin Ina Kersebaum aus dem Ev. Familienzentrum St. Nicolai sichtlich berührt in die Diskussion ein. In anderen Kommunen, etwa in Hagen, schließen bereits die ersten evangelischen KiTas– und für die oftmals klammen Kommunen wird es nicht leichter, alle Familien mit Rechtsanspruch zu versorgen. Nach intensiver Diskussion stimmt die Synode dafür, noch einmal Geld (etwa 636.000 Euro) aus den Kirchensteuermehreinnahmen des Jahres 2021 zweckgebunden für die Ertüchtigung der Gebäude aufzubringen.

Wer kümmert sich um die Immobilien?

Der Vorschlag einer Gruppe von Pfarrpersonen aus dem gesamten Kirchenkreis, die sich seit dem Sommer des vergangenen Jahres mit der „Gründung einer Immobiliengesellschaft“ beschäftigt, wird mehrheitlich abgelehnt – ihr Vorschlag lautete, zunächst über die Zukunft der zahlreichen Gebäude insgesamt zu sprechen. Neben den Kitas sind das (teilweise denkmalgeschützte) Kirchen, Gemeindezentren, Wohn- und Pfarrhäuser, aber auch Friedhofskapellen, Garagen oder freistehende Glockentürme. Auf einer Synodalversammlung im Herbst soll dieses Thema bearbeitet werden.

Weichen für die Zukunft wurden auf der Sommersynode auch durch die Wahlen gestellt. Nach den Kirchenwahlen im Februar sind alle Ausschüsse und Synodalbeauftragungen neu zu besetzen, außerdem wählten die Synodalen ihre Abgeordneten für die Landessynode. Niels Back, Manu-Raphael Barragan Peñaranda, Thomas Grabowski, Jessica Großer, Larissa Möx und Christel Schürmann vertreten den Kirchenkreis nun gemeinsam mit Superintendentin Proske in Bielefeld.

Nach all den Debatten und Diskussionen waren sich die Anwesenden nach knapp neun Stunden einig: „Wir haben die Wahl!“ Und so fasste die Synode auf Anregung des Ausschusses für Gesellschaftliche Verantwortung einen entsprechenden Beschluss, in dem sie sich deutlich zur Demokratie und zur Achtung der Menschenwürde bekannte. Darin heißt es am Vorabend der EU-Wahlen unter anderem: „Mit Blick auf die anstehenden Wahlen bitten wir alle Christ*innen und die Wahlberechtigten, nur demokratische Parteien zu wählen.“


Was dachten Sie eigentlich, was mit ihrer Kirchensteuer passiert …

Von Nicole Schneidmüller-Gaiser

„Ich brauche doch die Kirche nicht, um an Gott zu glauben“, sagen mir Menschen aus meinem Umfeld, um zu erklären, warum sie keine Kirchensteuer zahlen wollen. Denn das genau ist eine Konsequenz aus dem Austritt: Man spart monatlich Geld, je nach Einkommen und Bundesland summiert sich das für die meisten von uns auf eine dreistellige Summe pro Jahr. Um diese Summe reduziert sich dann natürlich auch um das Geld, mit dem „die Kirche“ planen und rechnen kann.

Goldene Badewannen und museale Kircheneinrichtungen haben unsere Vorstellung von den „reichen Kirchen“ über Jahrhunderte geprägt – und natürlich stimmt es, dass z. B. Kirchenkreise großen Besitz haben – doch lässt sich so eine denkmalgeschützte Kirche halt nicht zu Geld machen, auch einen Friedhof kann man eher schlecht verkaufen, und Gemeindehäuser wollen, solange sie genutzt, auch unterhalten werden.

Und dann gibt es natürlich auch noch all die Menschen, die für die Kirche arbeiten. Die aus Überzeugung, aber eben auch gegen Geld das tun, was ihr Auftrag ist: Sie betreuen Kinder und schaffen Gemeinschaft. Für Jugendliche, für Alte, für Einsame, für Verwitwete. Sie hören zu und unterstützen Menschen in seelischer Not – in Krankheit, nach einem Unglück oder in Trauer. Sie sind Anwälte und Sprecher für die, die sonst gerne vergessen würden: Für Geflüchtete oder Obdachlose, oder ganz allgemein für die, die nicht auf Rosen gebettet sind. Sie organisieren Gottesdienste und Gedenktage, die unser aller Leben strukturieren, die den Alltag unterbrechen und Pausen bieten – spirituell und auch ganz praktisch. Kirchengemeinden sind Kulturorte, Begegnungszentren und Haltungs-Orte – und darum wird zu Recht erwartet, dass „die Kirche“ sich positioniert, dass sie Sinn stiftet und humanistische, christliche Werte vertritt.

Meinen kranken Nachbarn besuchen, ein kostenloses Frühstück für Rentner*innen anbieten, Leserbriefe zur Chancengleichheit schreiben, auf das Leid an den EU-Außengrenzen hinweisen, ein Konzert geben, eine Jugendfreizeit organisieren und einem Opfer von Gewalt beistehen – klar könnte man all das auch ehrenamtlich tun. Jeder und jede von uns. Doch im Alltag gibt es doch, sind wir mal ehrlich, viele andere Aufgaben, die auf unserer Tagesordnung stehen.

… und darum ist es doch eigentlich ganz gut, dass es Kirche und Diakonie gibt. Oder?

Foto: niki
Auch sie stehen für die Zukunft der Kirche: Nach dem Jugendbeteiligungsgesetz entsendet die Jugend Menschen in die Gremien, die unter 27 Jahren sind. Darunter Anika Okunik, Mano Barragan Penaranda, Anna Walther, Sarah Jäckel (Foto v.l.n.r.) sowie Nico Hüther.
Foto: niki