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26.02.2020

Wenn Recht und Gerechtigkeit sich küssen

Islamseminar: Recht und Gerechtigkeit im Judentum, Christentum und Islam

Was ist Gerechtigkeit, was ist Recht? Ist beides das Gleiche oder gibt es Unterschiede? Unter dem Thema „Wenn Recht und Gerechtigkeit sich küssen“ ist das Islamseminar im Februar dieser Frage nachgegangen. Immerhin, so Ute Guckes von den Einladern, seien die beiden Begriffe zentrale Themen in den Abrahamsreligionen und auch im Alltagsleben. „Es gibt die Erfahrung von vielen, dass das gesprochene Recht nicht immer übereinstimmt mit unserem Gerechtigkeitsbegriff.“

Küssen sich Recht und Gerechtigkeit tatsächlich? Zumindest sei es keine Liebe auf den ersten Blick. Das meint der evangelische Theologe Ralf Porps, der gemeinsam mit dem Rabbiner Baruch Babaev und Dr. jur. Cefli Ademi, Professor für Islamische Normenlehre an der Universität Münster, den Abend inhaltlich bestritt. Porps Meinung konnten sich die beiden Mitreferenten problemlos anschließen. „Es sind unterschiedliche Dinge“, so Rabbiner Babaev. „Sie sind nicht deckungsgleich“, sagte Dr. Ademi.

Die Thora, ergänzte Babaev, fordere deshalb, man solle der Gerechtigkeit nachjagen, nicht etwa dem Recht. Und eine Gesellschaft, die das nicht tue, habe ihr Existenzrecht verwirkt. „Wenn Menschen in einem Rechtsstaat nicht spüren, dass es Gerechtigkeit gibt, dann wird jeder selbst zum Richter.“

Ganz der evangelische Theologe gründet Porps Inhalt des Gerechtigkeitsbegriffs in der Gnadenlehre Luthers. „Gottes Liebe und Annahme meint den Menschen als Ganzes, auch in seiner Gebrochenheit.“ Auf diesem Hintergrund bekäme die Gerechtigkeit eine Bedeutung, die mit dem Rechtsempfinden eines Juristen nichts zu tun habe. Sie sei, so auch das Sozialwort der Kirchen von 1997, ein Schlüsselbegriff der biblischen Überlieferung. Er umschließe alles, was eine heile Exístenz ausmacht.

Im Islam, so Ademi, habe der Gerechtigkeitsbegriff eine innere und eine äußere Dimension. Es seien die gottesdienstlichen Handlungen und der Umgang mit den Mitmenschen sowie der Schöpfung.

Die sich anschließende Diskussion wollte den Begriff der Barmherzigkeit berücksichtigt wissen. Steht sie im Spannungsverhältnis zur Gerechtigkeit? In der islamischen Tradition sei sie „erhabener“, sagte Ademi. Durch Gottes Barmherzigkeit kämen wir zum jenseitigen Heil. Doch im zwischenmenschlichen Bereich stehe die Gerechtigkeit im Vordergrund. Anders die Meinung von Porps. Gerechtigkeit umfasse eine heile Existenz und schließe somit die Barmherzigkeit ein. „Für mich macht das aus theologischer Sicht keinen Unterschied.“

Das Dortmunder Islamseminar ist eine Initiative des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund, des Katholischen Forums und der Dortmunder Moscheevereine.

  • Die nächste Veranstaltung ist am 28. April.
    Dann laden um 19.30 Uhr die Muslime im Trägerkreis des Islamseminars zum
    traditionellen Fastenbrechen in die Sultan-Ahmet-Moschee nach Hörde ein.
Foto: Stephan Schütze
Die Referenten des Abends, Dr. Cefli Ademi (l.), Ralf Porps (3.v.l.) und Rabbiner Baruch Babaev (4. v.l.) gemeinsam mit den Einladern aus dem Islamseminar.
Foto: Stephan Schütze