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22.06.2022

„Wir wollen ihnen Ehre geben!“

Beim Namen nennen: Emotionales Programm zum Weltflüchtlingstag

„Wir wollen an sie erinnern. Wir wollen dieses Unrecht nicht verschweigen. Wir wollen sie beim Namen nennen und ihnen Ehre geben.“

Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die ihre Heimat verlassen mussten. Die Bibel ist voll von Fluchtgeschichten. Menschen fliehen vor Krieg, Gewalt und Bomben, vor Hunger und Armut, sie wollen ein besseres Leben für sich oder ihre Kinder. Viele erreichen ihr Ziel nicht. Seit 1993 starben 48.647 Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen. Sie sind verdurstet, wurden erschossen, überfahren, sind verhungert, von Zügen und aus Bussen gefallen. Und endlos viele Menschen ertranken. Die Stadtkirchengemeinde St. Reinoldi erinnerte anlässlich des Weltflüchtlingstages gemeinsam mit vielen PartnerInnen und UnterstützerInnen aus Dortmund an das Schicksal dieser Menschen – mit Lesungen und Musik, mit zwei beeindruckenden Ausstellungen und einem Gottesdienst, mit Licht und Stille, Schweigen – und in einem achtstündigen Marathon: Mit dem Verlesen der Namen aller Verstorbenen.

Elaine ist aufgeregt. Gleich soll sie in den Altarraum der Reinoldikirche treten und 25 Minuten lang Namen verlesen. Die Namen von Männern, Frauen, Kindern – und Ungeborenen, die es nicht geschafft haben. Die an Europas Grenzen ihr Leben gelassen haben. Nicht das Sprechen vor Publikum bereitet der jungen Frau Sorge – sondern die Angst, dass ihr die Stimme versagen könnte angesichts des Leids, das hinter diesen Namen steht. Doch Susanne Karmeier, Pfarrerin in der Stadtkirche, beruhigt sie: „Wenn man dabei nicht in Tränen ausbricht, ist man vielleicht kein Mensch …“. Verschiedene Flüchtlingsinitiativen, Einrichtungen und Gruppen aus Kirche und Diakonie, sowie privat Engagierte haben im Vorfeld dazu beigetragen, dass die Aktion ihrem eigenen Anspruch gerecht werden konnte: „Wir protestieren gegen diese sinnlosen Tode und einen unmenschlichen Umgang mit Flüchtenden und fordern eine Politik, die Menschen schützt und die Würde eines und einer jeden achtet.

Eine der Engagierten ist Christine Burghardt, Pfarrerin im Ruhestand, die sich auf den Weg machte, Menschen aufzuspüren, die nach 2015 nach Deutschland gelangten. Im Rahmen der Fotoausstellung „Vom Menschen zum Flüchtling“ hatte die Fotografin Cornelia Suhan 2015/2016 Menschen getroffen und portraitiert, die ihre Heimat verlassen mussten – und hatte sie nach ihren Hoffnungen und Wünschen für die Zukunft befragt. „Mit elf von ihnen konnte ich jetzt sprechen, einige sogar treffen, um zu erfahren, wie es ihnen ergangen ist“, berichtet Christine Burghardt. In ihrem „WerkStattBericht 2.3“ lässt sie Raman aus Syrien, le-Anne aus Simbabwe und Vida aus dem Iran erzählen, was aus ihren Träumen geworden ist, welche Probleme sie beim Ankommen hatten und wie das Leben nun für sie weitergeht. Während der Ausstellung, die noch bis zum 26. Juni zu sehen ist, kommen einige von ihnen nach Dortmund und stehen für Gespräche in der Reinoldikirche zur Verfügung. Denn die Initiatoren wollen Raum geben, miteinander, nicht übereinander zu sprechen.

Acht Stunden dauert es, bis alle Namen verlesen sind. Dann wird es still in der Reinoldikirche. Doch in denen, die dabei waren, hallen die Namen der Verstorbenen nach. Sie sind nicht vergessen.

Von Nicole Schneidmüller-Gaiser

Foto: niki
Mit einem „Zirkel des Schweigens“ machten Aktive am Weltflüchtlingstag auf das Sterben an den europäischen Außengrenzen aufmerksam. V.l.n.r.: Ute Schütte-Hameier (Diakonie), Ute Mais (Bürgermeisterin der Stadt Dortmund), Susanne Karmeier (Pfarrerin Stadtkirche St. Reinoldi), Elaine Yousef, Can Silenger und Sarah Yahya (VMDo e. V.), Frauke Linke und Dirk Loose (Referat für Ökumene), Christine Burkhardt (Pfarrerin i. R. Brackel).
Foto: niki