11.02.2019

Vielfalt sichtbar machen

Gespräch zum Thema Transidentität in der Stadtkirche St. Petri

„Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen im Körper des anderen Geschlechts auf. Nur Ihr Körper hat sich verändert, nicht Ihr Empfinden. Spätestens nach einer Woche haben Sie alles ausprobiert, was Sie immer schon einmal über das andere Geschlecht wissen wollten, und wollen wieder zurück. Aber Sie können nicht. So fühlt sich Transidentität an, zumindest für mich.“ Mit diesem Gedankenexperiment begann Vinzent Beringhof die Informationsveranstaltung zum Thema Transidentität in der evangelischen Stadtkirche St. Petri in Dortmund.

Die Veranstaltung war Teil eines Rahmenprogramms zur Fotoausstellung „Max ist Marie“ mit Bildern der Künstlerin Kathrin Stahl, die im Februar in der Petrikirche zu sehen war. Warum die Stadtkirche dieses Thema aufgegriffen hat, erklärte Stadtkirchenpfarrerin Christel Schürmann in ihrer Begrüßung: „In vielen Gesprächen mit trans*Menschen ist die Rede immer wieder auf das Verhältnis zu Religion, Kirche und Glauben gekommen. Oft habe ich dabei gehört, ‚ich habe der Kirche den Rücken gekehrt, weil ich dort nicht so sein konnte, wie ich bin‘“. Dabei sei die Frage von Identität immer auch eine religiöse Frage: „Nirgendwo steht, dass Gottes Liebe an Geschlechtlichkeit geknüpft ist. Wir sind alle Gottes Kinder. Gott hat die Menschheit in einer unendlich großen Vielfalt geschaffen.“

In der Gesprächsrunde kamen trans*Menschen ebenso wie Fachleute zu Wort. Nach den ersten einleitenden Fragen von Moderator Vinzent Beringhof hatte auch das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Kann man nach einer Transition noch einmal auf den neuen Namen getauft werden? Ab wann wissen Kinder, welches Geschlecht sie haben? Was kann ich tun, wenn meine Familie meine Identität nicht akzeptiert? Der YouTuber Thorben Rump und Natascha Zimmermann vom Verein Trans-Bekannt e.V. erzählten sehr persönlich von ihren eigenen Erfahrungen und dem Weg ihrer Transition. Susanne Hildebrandt von der Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule und Transidente der Stadt Dortmund sowie die Therapeutin Judith Lichtenberg, die mit trans*Kindern und trans*Jugendlichen arbeitet, berichteten von Beratungs- und Hilfeangeboten, an die sich Jugendliche und Erwachsene wenden können. 

„Aufklärungsarbeit ist das wichtigste“, sagte Pfarrerin Mareike Ginzel. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises Queer in Kirche und Theologie (QuiKT), dem unter anderem die Sensibilisierung von Pfarrerinnen und Pfarrern und anderen Mitarbeitenden der Kirche ein wichtiges Anliegen ist. „Wir sind nicht die eine Stimme der evangelischen Kirche, aber wir sind die Stimme eines lebensbejahenden Gottes“, so Ginzel. QuiKT möchte Menschen während ihrer Transition und auf ihrem Weg zum Glauben begleiten und hat ein Handbuch für einen Gottesdienst anlässlich einer Transition erarbeitet. „Wir kämpfen an allen Fronten, um Vielfalt sichtbar und selbstverständlich zu machen. Denn sie ist ja da.“

Foto: Stephan Schütze
Zum Gespräch über das Thema der Transidentität hatte die Stadtkirche St. Petri eingeladen. Unser Foto zeigt die Podiumsteilnehmenden. Foto: Stephan Schütze