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07.05.2021

Reality-Star und Volkstribun

Wie der ‚Trumpismus‘ in den USA funktionieren konnte

Warum es Donald Trump gelingen konnte, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, das erstaunt viele politisch interessierte, liberal denkende Menschen in Deutschland noch immer. Ansätze des Verstehens bot ein Online-Vortrag des Historikers und Journalisten Donal O’Sullivan, Professor am Department of History der California State University in Northridge, USA. Der Wissenschaftler, der in Köln aufwuchs und seit 20 Jahren in der Nähe von Los Angeles lebt und lehrt, ist profunder Kenner des europäischen wie des amerikanischen Politiksystems und -verständnisses. Sein Vortrag über den ‚Trumpismus‘, seine Ursachen und auch mögliche Folgen für Europa war Teil der Veranstaltungsreihe ‚Demokratie stärken – Rechtspopulismus entgegentreten‘, zu der der Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus eingeladen hatte.

Dass ein Kandidat wie Trump mit seiner Art zu kommunizieren, die häufig auf Fehlinformationen und auch gezielten Beleidigungen von Minderheiten und Gegnern beruhe, von Millionen Amerikaner*innen gewählt wurde, beschrieb O’Sullivan als Symptom von tiefergehenden Problemen der amerikanischen Gesellschaft. Es zeige eine tiefe Identitätskrise, sowohl aufseiten der konservativen Partei, die einst gegen Sklaverei und für freiheitliche Werte angetreten sei, als auch in weiten Teilen der Bevölkerung.

Donald Trump selbst habe den Wahlkampf eigentlich nutzen wollen, um seine eigene Marke, die durch geschäftliche Misserfolge angeschlagen gewesen sei, wieder in der Öffentlichkeit zu platzieren. Er habe selbst nicht wirklich mit einem Wahlerfolg gerechnet, so O’Sullivan. Entsprechend habe er im Wahlkampf nur für sich selbst gestanden, kaum für Inhalte eines republikanischen Wahlprogramms. Dabei habe er verstärkt den Einsatz sozialer Medien genutzt, seine Veranstaltungen hätten stets Eventcharakter gehabt. Trump sei ein Fernsehstar gewesen, auch durch eine Reality-Show „bekannt wie ein bunter Hund“, beschrieb Donal O’Sullivan. Seine medialen Reichweiten seien immens, politische Inhalte dabei jedoch meist zu vernachlässigen gewesen.

Und doch sei es Donald Trump gelungen, sich als Identifikationsfigur einer großen Bevölkerungsgruppe zu generieren, die sich über Jahrzehnte mehr und mehr vernachlässigt fühle. Dabei handele es sich vornehmlich um weiße Männer aus Teilen der Mittelschicht. Die erlebten einen massiven Statusverlust. Anders als ihre Großeltern-Generation sei es für die meisten von ihnen nicht mehr möglich, allein mit einem Highschool-Abschluss eine Familie zu ernähren. Wer nicht mindestens ein College mit einem Bachelorzeugnis absolviert habe, drohe, in die Armut abzugleiten. Verantwortlich dafür sei eine Entwicklung, die zu einer immer größeren Schere bei den Gehältern in Unternehmen geführt habe. In den zurückliegenden 40 Jahren seien die Löhne in den unteren und mittleren Lohngruppen um ca. 12 Prozent angestiegen, die Gehälter von Topmanagern hingegen um rund 940 Prozent. Ein Vorstandsvorsitzender habe schon im Jahr 2007 rund 350-mal so viel verdient wie ein Arbeiter.
Zudem nähmen viele Männer aus diesem Segment subjektiv wahr, dass Vertreter*innen von Minderheiten im gesellschaftlichen Ansehen an ihnen vorbeizögen. Das gelte beispielsweise für Menschen aus der afro-amerikanischen Community und auch für Frauen. Die Folgen seien Gefühle von Ohnmacht, Ärger, kultureller Neid und Hass.

Trump, der selbst eigentlich den Kapitalismus auf die Spitze getrieben habe und dabei selbst mehrfach wirtschaftlich bankrott gewesen sei, habe es geschafft, sich als Volkstribun zu präsentieren. Die betreffende Wählerschicht habe ihre Ängste und Forderungen auf ihn projiziert. Das habe Trump angenommen und dabei stets provoziert, gedroht und Menschen offen beleidigt. Die Reaktionen seiner Anhängerschaft seien Applaus und Bewunderung gewesen.

O’Sullivan skizzierte in diesem Zusammenhang ein amerikanisches Werteverständnis, das dem Reichtum grundsätzlich positive Bedeutung beimesse. „Wer reich ist, hat es geschafft“, so die Einschätzung. Die US-amerikanische Gesellschaft sei nicht egalitär, Neid um Reichtum sei nicht üblich, auch gebe es keinen politischen Konsens über Sozialstaat und Gemeinwohl wie in Deutschland.
Viele Menschen in den USA seien indes liberaler eingestellt, als es die Trump-Zeit und politische Eliten vermuten ließen, sagte O’Sullivan. Und so gelte es, die weitere Entwicklung zu beobachten. Insgesamt beschrieb er die Demokratie im Land als geschwächt, weil die republikanische Partei ihren Charakter als Mitte-Rechts-Partei verloren habe. Nach der Ära Trump gebe es hier einen Machtkampf und den Versuch, sich von dem Einfluss des Ex-Präsidenten zu emanzipieren.

Die gegnerische Demokratische Partei hingegen müsse ihrerseits das eigene Profil neu stärken. Zahlreiche ihrer traditionellen Wähler*innen hätten sich von ihr distanziert, weil sie den Strukturwandel in Gegenden des mittleren Westens nach deren Deindustrialisierung nicht ausreichend unterstützt habe. Andere hätten sich abgewandt, weil sie die Öffnung der Partei hin zu größerer gesellschaftlicher Vielfalt nicht nachvollziehen könnten. Hier hätten sich die Demokraten in den vergangenen Jahren mehr als Partei des städtischen Bürgertums denn als Vertreterin ländlicher Arbeiter*innen etabliert.

Viele aber, die Trump gewählt hätten, sehnten sich nach einer Weiterführung seiner Ansätze, zeigte sich Donal O’Sullivan überzeugt. Möglicherweise werde bei der nächsten Wahl eine Figur „Trump 2.0“ ins Rennen gehen, die ähnliche Ideen aber weniger Angriffsfläche für persönliche Kritik bieten werde. O’Sullivan prognostizierte eine weitere Polarisierung der Gesellschaft. Einen Kurs der Mitte zu verfolgen, werde in der amerikanischen Politik in nächster Zeit schwer.

Demokratie stärken – Rechtspopulismus entgegentreten. Unter diesem Thema standen zwei Veranstaltungen des Dortmunder Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus.
Grafik: AK gegen Rechtsextremismus