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24.05.2013 // Demenz

Eingetaucht in das Meer der Ver-rücktheit

Vortrag zu Demenz mit Erich Schützendorf.

Vortrag zu Demenz mit Erich Schützendorf

Was halten Sie davon, Ihre Uhr in den Kühlschrank zu legen? Das sei keine gute Idee, meinen Sie. Warum nicht? Dann bleibt sie doch schön frisch. Dass dementiell veränderte Menschen einen ver-rückten Blick auf die Welt haben, machte auch mit diesem Beispiel Erich Schützendorf bei dem Themenabend "Eintauchen in das Meer der Verrücktheit" deutlich.

Schützendorf ist Dozent für Geragogik an der Volkshochschule Kreis Viersen. In seinem Vortrag hatte er die Zuhörenden dazu eingeladen, eigene Wahrheiten, Ziele und Sicherheiten beiseite zu legen und in das "Meer" neugierig einzutauchen.

Übliche Verhaltensweisen gegenüber dementiell veränderten Menschen stellte er in Frage. Er warb dafür, sie nicht zu korrigieren, nicht zu bevormunden, sondern sie so zu nehmen, noch besser: sie anzunehmen, wie sie sind.

"Eigensinn macht Spaß", so zitierte Schützendorf Hermann Hesse, um zu ergänzen: "Besonders dann, wenn wir die Welt der Rationalität verlassen."  Gekommen zu der Veranstaltung waren rund 70 Ehrenamtliche, die in Besuchsdiensten tätig sind, und weitere Interessierte. 

Schützendorf machte ihnen Mut, die "vernachlässigten Welten" des Phantastischen, der Kindheit und der Träumerei zu erforschen. Die an Demenz erkrankte Frau, so sein Beispiel, die sich mit einer Scheibe Wurst die Brille putzt, hat anschließend zwar keine sauberen Brillengläser, doch aus ihrer Brille ist ein Kaleidoskop geworden. Vielleicht ist es genau das, was sie wollte?

Wir seien es gewohnt, uns an Kategorien der Rationalität, Zweckmäßigkeit und Funktionalität zu orientieren. Doch es sei "toll, einen Menschen einfach verrücken zu lassen in die Welt der Poesie, des Spielerischen und des Zweckfreien."

Schützendorf plädierte dafür, "gelassener, freundlicher und verwöhnender" mit dementiellen Menschen umzugehen. Auch deshalb hält er das Paradigma des "gesunden Sterbens" für "vollkommen albern".

Darum hat er für sich selbst keine Patientenverfügung, sondern eine „Lebensverfügung“ verfasst. In ihr ist beispielsweise festgelegt, welche Schokoladensorte, wie viel Wein und welche Zigarren er als bettlägeriger Mensch bekommen will.

Vergänglichkeit und Verblühen gehöre zum Leben. Statt dementiellen Menschen Gedächtnistraining anzubieten, solle man sie begleiten bei ihrer Reise weg von dem Verstand.

Veranstalter des Themenabends war die Altenheimseelsorge und der Fachbereich Seelsorge und Beratung der Evangelischen Kirche in Dortmund und Lünen.

Erich Schützendorf warb bei seinem Vortrag über Demenz für einen gelassenen und verwöhnenden Umgang mit dementiell erkrankten Menschen. Foto: Stephan Schütze