"Wehret den Anfängen"

Frauen positionieren sich gegen Rückschritte in der Gleichstellung.

Sie wollten ein Zeichen gegen Rechtspopulismus setzen und dabei dem Aspekt der Gleichstellung in der gegenwärtigen politischen Diskussion Gewicht verleihen. Das ist Dortmunder Frauen gelungen. Gemeinsam hatten die Arbeitsgemeinschaft Dortmunder Frauenverbände, in dem 36 Gruppierungen zusammengeschlossen sind, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dortmund und das Evangelische Bildungswerk Dortmund ins Foyer des Dortmunder Rathauses eingeladen. Mehr als 200 Interessierte kamen – mehrheitlich Frauen, aber auch engagierte Männer -, um Vorträge und Diskussion zu verfolgen. ‚Wehret den Anfängen‘ lautete der Titel der Veranstaltung, die sich ausdrücklich ‚Gegen Rechtspopulismus und Rückschritte in der Gleichstellung‘ richten sollte.

Ohne im Dortmunder Rathaus Parteinamen zu nennen, zeigten Veranstaltende und Referent/inn/en Tendenzen des Rückschritts in der aktuellen politischen Diskussion von Frauen- und Gleichstellungsfragen auf. So benennt das Grundsatzprogramm einer neuen Partei, die sich als vermeintliche ‚Alternative für Deutschland‘ bezeichnet, einen aus ihrer Sicht „falsch verstandenden Feminismus“, der „einseitig Frauen im Erwerbsleben“ schätze, nicht aber solche, die „‘nur‘ Mutter und Hausfrau sind“. Stattdessen postuliert die Partei grundsätzlich das Ziel, zu althergebrachten, „traditionellen“ Geschlechterrollen zurückzukehren. In der Umsetzung des „‘Gender-Mainstreaming‘-Projekts“ hingegen, also im gesellschaftlichen Ziel der Gleichstellung von Mann und Frau, wittert das Programm die ideologische Untergrabung der Familie „als wertegebende gesellschaftliche Grundeinheit“.

In welcher Weise Feminismus und das Eintreten für Gleichstellung im rechtspopulistischen Lager denunziert wird, beschrieb der Publizist und Soziologe Andreas Kemper. Heute handele es sich, anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, um einen ‚opferideologischen Antifeminismus‘. Wie im besagten Parteiprogramm zu finden, würden dabei insbesondere die Familie, aber auch Männer als Opfer feministischen Wirkens dargestellt. Rechtspopulistisch agierende Gruppierungen bildeten indes keinen politisch einheitlichen Block, so Kemper. Vielmehr handele es sich um ‚Netzwerke der Ungleichwertigkeit‘.

Wie weitverzweigt diese Netzwerke mittlerweile international agieren, beschrieb der Soziologe anschaulich. Als eine der federführenden Initiatorinnen nannte Kemper die AfD-Politikerin Beatrix v. Storch. Er führte aus, wie mit Hilfe dieser Netzwerke antifeministische Inhalte propagiert, tradierte Rollenbilder reaktiviert und Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder Homosexualität gebrandmarkt würden. In diesen Netzen seien unter anderem evangelikale Kreise eingebunden, die ursprünglich in den USA beheimatet seien, aber auch beispielsweise die ‚Legionäre Christi‘ oder das ‚Dignitatis Humanae Institute‘, Institutionen ultrakonservativer Katholiken, in denen etwa der ehemalige Chefberater von US-Präsident Donald Trump, Stephen Bannon, engagiert ist.

Prof. Dr. Esther Lehnert von der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gab einen Einblick in das Frauenbild in rechtsextremen Organisationen.Unter dem Titel ‚Mädchen und Frauen im modernen Rechtsextremismus - übersehen und unterschätzt?!‘ beschrieb sie, wie sich auch dort das Selbstverständnis von Frauen in den letzten Jahren modernisiert habe. Mittlerweile sei auch in der rechten Szene eine Pluralität von Frauenrollen auszumachen. Die reiche von der Kommunalpolitikerin bis zu Straßenkämpferin. Nach wie vor habe sich aber das Idealbild der ‚deutschen Mutter‘ gehalten, die Frauen in der mittleren und späteren Lebensphase auf die Funktionen der besorgten Mutter und Großmutter focussiere.

Als widerlegten Mythos beschrieb Esther Lehnert die Aussage der Soziologin Margarethe Mitscherlich, Frauen seien generell friedfertiger als Männer. Vielmehr sei heute eine ‚doppelte Unsichtbarkeit‘ zu verzeichnen. So gehe ein weit verbreitetes Allgemeinverständnis davon aus, dass Frauen generell unpolitischer seien. Und wenn sie sich politisch engagierten, dann tendierten sie eher zu linken Einstellungen. In der Einschätzung junger rechter Aktivistinnen, die sich häufig modisch aufgeschlossen, „hip und stylisch“ gäben, sei ein solches Vorverständnis zuweilen fatal.

Nachdem eine Vertreterin der Gruppe ‚Feminismus im Pott‘ über Strategien berichtet hatte, wie in sozialen Netzwerken kreativ und wirkungsvoll auf Hassmeldungen von ‚Hatern und Trollen‘reagiert werden kann, beendete eine lebhafte Podiumsdiskussion den Input der Veranstaltung. Moderiert von der WDR-Journalistin Cathrin Brackmann tauschten sich die EMMA-Redakteurin Chantal Louis, die Vorsitzende des DGB Dortmund Jutta Reiter, Prof. Dr. Katja Sabisch von der Ruhr-Universität Bochum und die Dortmunder Gemeindepfarrerin Dr. Kerstin Schiffner über ihre individuellen Erfahrungen und Perspektiven zu Rechtspopulismus und Feminismus aus.

Als Grund, warum sich auch Frauen zu rechtspopulistischen oder gar –extremen Positionen hinwenden, machte die Runde mutmaßlich das Fehlen von Formen der Sicherheit in einzelnen Lebenssituationen aus. Kerstin Schiffner beschrieb aus ihrem Gemeindalltag die Schwierigkeit einer Pfarrerin, in Gesprächen einerseits klar gegen rechte Parolen Stellung zu beziehen, andererseits aber die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen. Prof. Katja Sabisch forderte mehr Genderkompetenz, um auf diese Weise Individuen – Frauen wie Männern – die best mögliche Entwicklung zu ermöglichen. DGB-Chefin Jutta Reiter, die auch Sprecherin des Dortmunder Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus ist, stellte für ihren Kreis in Aussicht, in Zukunft mehr das Phänomen des Rechtspopulismus in den Blick zu nehmen, der weniger auffällig, dafür aber umso gefährlicher wirken könne. Chantal Louis schließlich mahnte an, auch schwierige Themen wie beispielsweise das problematische Frauenbild von vielen Geflüchteten nicht außer Acht und so die Debatte nicht allein von rechtspopulistischer Seite besetzen zu lassen. Insgesamt aber, so Louis, seien noch nicht allzu viele konkrete Rückschritte in der schon erreichten Gleichstellung zu verzeichnen. Dass das so bleibt, dazu können Veranstaltungen wie die im Dortmunder Rathaus beitragen.

 

 

Stephan Schütze
Gegen Rechtspopulismus und Rückschritte in der Gleichstellung setzte sich die Veranstaltung „Wehret den Anfängen“ ein. Foto: Stephan Schütze